Kategorie: Anekdoten

Ansichtskarten… Gestern… Heute… Morgen ?

Wer eine Reise tut, der kann was erzählen. Was meistens ja nach Rückkehr des Reisenden erfolgt. Um die Daheimgebliebenen aber schon vorher auf dem Laufenden zu halten und an dem Erlebten teilhaben zu lassen, bzw. zu zeigen, dass man an sie denkt oder zumindest ein wenig angeben will, wie schön es am Ort der Reise doch ist, kann man eine Ansichtskarte verschicken.

Für je den Geschmack die passende Karte

Ok, im Zeitalter der Multimedia-kompatiblen Kurzmitteilungen (aka WhatsApp & Co.) und der elektronischen Kommunikation überhaupt, sind Postkarten fast schon ein Anachronismus. Zwischen 1997 (das Internet wird in Privathaushalten zunehmend verfügbar) und 2007 (Smartphones greifen um sich) ist das Volumen an verschickten Postkarten um 75 % zurückgegangen. Tja, warum nur ? Erst einmal, muss man die Karte – Gott bewahre ! – per Hand beschriften und dann – und das ist in unserer kurzlebigen Zeit sicherlich der Hauptgrund – nimmt der Versand auch einige Zeit in Anspruch. Sprich: Ist die Reise kurz oder der Einwurf der Karte in den Briefkasten zu spät, kommt es durchaus vor, dass der Reisende vor der Karte wieder die Heimat erreicht. Versendet man die Karte im Inland, ist die Laufzeit mit einem Tag sehr schnell. Begibt man sich ins Ausland, ist die Laufzeit länger, natürlich entfernungsabhängig und vor allen anderen Dingen unter Berücksichtigung der Zuverlässigkeit der Post des Ursprungslandes. Sehr interessant sind in diesem Zusammenhang die Erkenntnisse aus einem Artikel der Welt.

So kann eine Karte aus Rom bereits nach 2 Tagen in Deutschland ankommen, wird die Postkarte aber aus dem von Rom umschlossenen Areal, welches man auch als Vatikan kennt, verschickt, kann das ganze schon mal 6 Tage dauern. Ebenfalls logisch ist es, dass der Versand von Post schneller geht, wenn er von einem Knotenpunkt des Postsystems, etwa der Hauptstadt eines Landes ausgeht und nicht von einer Insel oder aus der Pampa. Aus eigener Anschauung kann ich hier meine Erfahrung mit der Post in Polen teilen: Sitzt man im landschaftlich sehr idyllischen, aber doch recht entlegenen Masuren, kann es schon mal sein, dass der nächste Postkasten einige Kilometer in der nächsten größeren Stadt zu finden ist und/oder die Urlaubspost an der Rezeption der Pension gesammelt wird und von dort nur alle paar Tage abgeholt wird, um dann die Reise zum Adressaten anzutreten.

Dies gilt natürlich nur für den Fall, dass die Karte einwandfrei (und für den ortsansässigen Postdienst verständlich) beschriftet ist. Andernfalls: Zeitverlust durch Adressermittlungsverfahren ! Wie zum Beispiel bei meiner Korrespondenz mit dem französischen Gesundheitssystem geschehen, wo das Empfängerland von der französischen Post mit der PLZ 00000 ergänzt wurde, was bei der Deutschen Post wiederum zu einem 6-wöchigen Ermittlungsverfahren geführt hat.

Einmal um die Welt mit der Royal Mail
Einmal um die Welt mit der Royal Mail

Und in manchen Fällen geht einfach nur alles schief… Man wirft eine Karte in einen (zugegebenermaßen uralten und ranzigen) Briefkasten in Kensington, London und wundert sich dann, dass die Karte auch nach 3 Wochen noch nicht angekommen ist. Man schreibt die Karte also als verloren ab, nur um nach 6 Monaten überrascht zu werden, dass sie dann doch noch ankommt, nachdem sie einen Umweg über die Philippinen genommen hat. Was da schief gelaufen ist wird wohl ewig ein Mysterium bleiben.

Dennoch erfreut sich das traditionelle Kommunikationsmittel Postkarte einer gewissen Beliebtheit. Vermutlich, da es wie ein Souvenir etwas Haptisches hat – man hat also etwas in der Hand. WhatsApp, Instagram und Facebook hingegen stehen eher für die adhoc Teilhabe am Erlebten und ermöglichen zugleich auch, ganz im Sinne des Gießkannenprinzips, eine ganze Gefolgschaft mit ins Geschehen einzubinden. So betrachtet, kann man sich also als Empfänger einer Karte schon als privilegiert betrachten.

Da Ansichtskarten meist von Reisen verschickt werden, ist die topografische Photopostkarte, ein oder gleich mehrere Highlights des Reiseziels zeigend, die beliebtesten Varianten. Kurioserweise und irgendwie anti-intuitiv ist die Motivseite, die ja der eigentliche Blickfang der Karte ist, laut einschlägiger Definition in Expertenkreisen, die Rückseite(!) der Ansichtskarte. Eigentlich logisch, denn immerhin ist die Karte ja ein Kommunikationsmedium und da sollte ja die Nachricht im Vordergrund stehen.

Die Vorderseite ist bekanntermaßen zweigeteilt: Links die Mitteilung, rechts Porto und der Empfänger. Bei einem Standard A6 Format (es gibt natürlich auch Übergrößen) stehen einem also 10.5 x 7.4 cm Platz für die Urlaubsgrüße zur Verfügung. Wie bei einer SMS oder Tweet heißt es also auch hier: Fasse Dich kurz! Tatsächlich aber findet man oft mehr oder minder kreative Abwandlungen des Grundsujets: Liebe(r) XXX, das Wetter ist gut und das Essen ist toll. Der Urlaubsort ist wunderbar. Gestern waren wir am Strand. Alles Liebe, Deine Erna. Oder ähnliche unspezifische Plattitüden. Aber immerhin, es ist ja der Gedanke der zählt.

Platz war schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten kostbar
Platz war schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten kostbar

Aber bei manchen Leuten reicht der Platz eben überhaupt nicht. Dabei kann man sich heute noch ob eines recht reichhaltigen Platzangebots (im Vergleich zu früher) glücklich schätzen. Denn in den Pionierzeit der Ansichtskarte war die Vorderseite, formatfüllend, ausschließlich der Anschrift des Empfängers vorbehalten. Etwaige Grußbotschaften waren am Rand der Motivseite anzubringen. Erst um 1905 wurde der Nachricht mehr Platz auf der Vorderseite eingeräumt.

Überhaupt ist das mit der Nachrichtenübermittlung via Postkarte so eine Sache. In unseren modernen Zeiten, wo für alle Kommunikationskanäle maximaler Datenschutz heraufbeschworen wird und keine Kurzmitteilung, im Idealfall, ohne End-to-End-Verschlüsselung verschickt wird, mutet es geradezu kurios an, seine Grüße offen für jedermann lesbar zu verschicken. Dennoch – und das macht die Sache erst recht kurios – unterliegt die Postkarte dem Briefgeheimnis. Bestimmte Gegebenheiten vorausgesetzt. Damit das Briefgeheimnis effektiv greift, muss die Postkarte verschlossen oder durch ein verschlossenes Behältnis gegen Kenntnisnahme besonders gesichert sein. Will heißen, wer die Karte ohne Umschlag verschickt und nicht unter Verschluss aufbewahrt darf sich nicht wundern, wenn der Briefträger sie ließt. Nur eine Postkarte aus einem Briefkasten herausfischen mit dem Vorsatz sie unbefugt zu lesen ist verboten.

So schön der Erhalt von Ansichtskarten aber auch ist, die goldenen Zeiten der Ansichtskarten sind vorbei. Angefangen hat das Ansichtskartenwesen in Deutschland im Jahre 1866. Noch ohne Foto, dafür aber mit einer Lithografie von Jagdmotiven. Es war dann auch nicht eine Grußkarte aus der Sommerfrische, sondern eine Einladungskarte zu einer Treibjagd (8. Dezember 1866, gegen 9 Uhr am Sammelplatz in Westhofen).

Die erste Postkarte in Deutschland

Dies ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten, wie die Postkarte ihren Anfang genommen haben mag. Ein allgemeinen Konsens über den Erfinder gibt es nicht. Der Durchbruch der Urlaubskarte kam jedenfalls ungefähr ab 1896 mit aufkommen der Farblithografie und der (schwarzweissen, aber mitunter kolorierten) Fotografie. Der langsam entstehende Tourismus und „Massen“Reiseverkehr mag sicherlich auch sein übriges getan haben. Man denke nur, während man heute schon fast scheel angeguckt wird, wenn man mal ein Jahr nicht in den Urlaub fährt, war dies im 19. Jahrhundert noch ziemlich unüblich. Der erste Baedeker-Reiseführer (Handbuch für Schnellreisende) kam 1835 auf den Markt und Erholungs- und Erlebnisreisen kamen erst gegen Ende des Jahrhunderts auf.

Go digital ?
Go digital ?

Während es früher noch spezielle Verlage gab, die sich auf die Herausgabe von Ansichtskarten spezialisiert hatten, wird der Markt und das Angebot von solchen Karten recht überschaubar. Schon längst lohnt es sich nicht mehr für alle Orte Ansichtskarten zu drucken, sondern nur noch für Reiseziele und Sehenswürdigkeiten mit größerer touristischer Relevanz. Unternimmt man z.B. eine Reise nach dem mittelhessischen Gießen, muss man sich schon etwas anstrengen, um eine Ansichtskarte aufzutreiben. Eine Kompromisslösung scheint daher die Erfindung der Postkarten-App zu sein: Hier wird quasi der Versand eines Digitalfotos vom Smartphone mit einer Postkarte aus Papier vereint. Foto aufnehmen, in der App bearbeiten und mit einer Nachricht versehen. Das ganze dann via Internet an den Anbieter der App übermitteln, der das ganze dann druckt und per Post verschickt.

Ob digital oder ganz Oldschool auf Papier: Beides hat seine Daseinsberechtigung und erfreut den Empfänger.

Vom dezentralisierten Abendessen – Running Dinner

Schon mal ein Abendessen im privaten Rahmen mit 3 Gängen und 13 anderen Leuten abgehalten ? Ist schon ein bisschen aufwändiger ein solches Unterfangen. Doch wozu gibt es Konzepte wie Arbeitsteilung, Outsourcing und Dezentralisierung in der modernen Welt, wenn man aufwendige Großprojekte stemmen muß.

Ich stelle vor: Running Dinner. Anstelle ein großes Festmahl in den eigenen vier Wänden abzuhalten, kocht man einen Gang, bewirtet seine Gäste und macht sich sodann selbst auf die Socken, um anderswo den nächsten Gang kredenzt zu kriegen und selber der Gast zu sein. Alles an einem Abend. Mehr oder weniger eine Art kulinarisches Speeddating, nur halt, dass es ums Essen geht.

Ein dezentrales Veranstaltungsformat, um neue Leute und neue Gerichte kennen zu lernen, dass sich insbesondere in Universitätsstädten bei der Studierendenschaft einer gewissen Beliebtheit erfreut.

Ich bin zwar selbst kein Student mehr, aber ich koche & esse gerne und neue Leute kennenzulernen ist nie verkehrt. Also haben ich beschlossen das mal auszuprobieren. Begleitet wurde ich von Frau P, die beim Running Dinner meine Copilotin sein sollte.

Gute Vorbereitung ist Alles

Sofern man küchentechnisch nicht völlig unbegabt ist (und vermutlich melden sich Kochanfänger bei solchen Events eher seltener an), stellt die Logistik des Abends die eigentliche Herausforderung da. Schließlich gibt es einen festen Zeitplan, wann man wo für welche Speise erscheinen soll. Der Konflikt besteht also darin, einerseits pünktlich zu sein (Höflichkeit der Könige + wer isst schon gerne kalt und so…), seinen eigenes Gericht just in time zu servieren und natürlich auch die soziale Komponente (um die geht es ja auch primär) auszukosten.

Bedeutet also, dass bei einer solchen Unternehmung Präparation und Vorbereitung (wie eigentlich so oft im Leben) das A & O und völlig unerlässlich sind. Man möchte sich also ein Gericht aussuchen, dass sich gut vorbereiten lässt und nicht à la Minute zubereitet werden muss. Eben solche Gerichte, die kalt serviert werden oder sich ohne Probleme aufwärmen lassen. Gazpacho, die beliebte kalte andalusische Gemüsesuppe = top; Goldbroiler frisch aus dem Ofen = Flop. Man kann sich also vorstellen, dass Vorspeise und Nachtisch es etwas einfacher haben, da hier die Auswahl an kalt zu verzehrenden Speisen sehr reichhaltig ist.

Running Dinner in Dresden

Also warteten die Frau P und ich gespannt auf die Auslosung des zu kochenden Ganges. Um nicht völlig spontan zu improvisieren haben wir dann auch schon mal ein kleines Brainstorming veranstaltet…

Ja, Eintopf ist zwar super vorzubereiten und schmeckt aufgewärmt mitunter gleich nochmal so gut, weil alles gut durchgezogen ist, aber originell ist das nicht unbedingt. Der Vorschlag für den Nachtisch, der hessische Apfeltraum (eine Art Apfel-basierte Interpretation von Tiramisu), war dafür schnell akzeptiert.

Ein gutes Nudelgericht ist aber immer gut. Nudeln kann man auch Last-Minute noch kochen und Saucen-Variationen gibt es unzählige… Einen italienischen Pesto oder eine asiatische Erdnuss-Sauce mit Hühnchen.

Donnerstag, um 13.27 Uhr

Es ist soweit… Die Lostrommel hat entschieden: Das Hauptgericht soll es also sein. Dann also tatsächlich selbstgemachten Pesto Rosso. Doch halt ! Im Zeitalter der Lebensmittelunverträglichkeiten hat man es auch als Hobbykoch nicht immer einfach:

Ok, das mit den Äpfeln wäre schlimmer gewesen, wenn wir die Nachspeise zugelost bekommen hätten (Da wird aus dem Apfeltraum schnell ein Apfelalptraum !) Aber klassischen Pesto oder Erdnuss-Sauce fallen somit auch flach. Aber wie sagt eine amerikanische Küchenweisheit: „In Queso Emergency: Pray to Cheesus !“ oder sinngemäß ins Deutsche übertragen: Im Zweifelsfall einfach mehr Käse nehmen, denn mit Käse wird alles besser ! Tatsächlich wird dies auch von diversen Internetköchen empfohlen: Nüsse und Pinienkerne gegen mehr Käse austauschen.

Nun könnte man einwenden, dass die Tomaten (Solanum lycopersicum) in einem roten Pesto ja auch Beeren sind:

Umgangssprachlich wird vor allem die als Gemüse verwendete rote Frucht, die eine Beere ist, als Tomate bezeichnet.

Gottseidank sind aber die meisten Leute weniger biologisch bewandert als meine Running-Dinner-Copilotin, so dass Tomaten letztendlich in Ordnung gingen.

Pesto rosso con fromaggio alla Lömitonne
(Für 6 Personen) 

120 g Getrocknete Tomaten
120 g Halbgetrocknete Tomaten (eingelegt in Öl)
200 mL Olivenöl (extra vergine)
1 Knoblauchzehe
30 Blt. Basilikum
85 g Grana Padano
85 g Pecorino

1 EL Tomatenmark

Pfeffer, Salz, scharfes Paprikapulver (nach Belieben)

 

  • Alle Zutaten (bis auf das Öl) grob Zerkleinern und in einen Krug geben
  • Mit einem Pürierstern unter portionsweiser Zugabe des Öls gut zerkleinern, bis eine schön schlotzige Konsistenz erhalten wird
  • Mit wenig Öl überschichten und über Nacht im Kühlschrank gut durchziehen lassen

Zugegebenermaßen so einfach, dass es schon fast etwas wie schummeln wirkt, aber unter Verwendung guter Zutaten trotzdem eine feine Sache. Dazu reichen wir Hühnerbrust in scharfer Marinade (selbst gebraten, aber bis zum Showdown im Kühlschrank aufbewahrt und in der Mikrowelle kurz erwärmt).

Geplante Aufgabenteilung: ich mache das Pesto, die Frau P. fungiert als Gastgeberin in deren Räumlichkeiten das Gelage stattfindet.

Auf Los geht’s los…

Freitag, 16.35 Uhr

Kick-off für die Veranstaltung sollte für uns um 17.15 Uhr im Dresdner Süd-Westen, in Löbtau, sein. Es ging also sportlich los. Auf Arbeit (recht)zeitig Feierabend machen, die Frau Copilotin an Ihrer Arbeitsstelle abholen und pünktlich beim 1. Gastgeber auf der Matte stehen. Jetzt nur nicht das Hauptgericht im Bürokühlschrank vergessen.

16.55 Uhr

Distanz 10.7 km (ca. 30 min) Aber wie immer, wenn es schnell gehen soll, dann kommt etwas dazwischen. Nicht antizipierte Umwege durch Baustellen… Stau wegen Berufsverkehr. Immerhin finde ich die Frau Copilotin & ihre Arbeitsstelle problemlos und weiter geht’s in Richtung Vorspeise.

17.10 Uhr

Das leidige Thema mit der Parkplatzsuche. Vermutlich sind deswegen Fahrräder bei solchen Veranstaltungen sehr beliebt, da sehr flexibel. Wenn man allerdings Pesto und weiteres Zubehör hurtig einmal quer durch Dresden transportieren will, ist das Auto zu nehmen vielleicht doch besser. Aber Gottseidank ist flott eine Parklücke gefunden. Und dann genaue Punktlandung um 17.14 Uhr auf der Fußmatte der beiden Gastgeberinnen. Kurz darauf erschienen dann auch Gast Nummer 3 & 4: Zwei Herrschaften aus den USA, die wir an diesem Abend überraschend noch einmal wieder treffen sollten…

17.20 Uhr

Erster Gang: Blätterteigschnitten mit einer Gemüse-Käse-Nuss-Auflage. Sehr schmackhaft, könnte kombiniert mit einem Salat auch fast als Hauptgang durchgehen. Erwähnte ich aber schon, dass Running Dinner gut bei Studenten ankommen ? Ok, dass ich mit meinen fast 38 Jahren wohl eher zu den älteren Teilnehmern gehören sollte, war ja fast schon klar. Allerdings wenn die anderen Teilnehmer eher 20-22 Jahre alt sind, kommt dann doch irgendwann das dezente Gefühl auf, dass man langsam anfängt alt zu werden. Aber nach den üblichen Gesprächseröffnungen, (Was studierst Du / machst Du beruflich ? Kommst Du aus Dresden und falls nein, was hat dich hierher verschlagen ? etc pp.) ist dann das Eis gebrochen.

17.45 Uhr

Um der Veranstaltung noch einen etwas interaktiveren Charakter zu verleihen, gibt es noch eine Fotochallenge. An jeder Station wird ein Bild zu einem bestimmten Thema aufgenommen. Für die Vorspeise ist dies Speisen ohne Zuhilfenahme der Hände. Kein Problem bei einer Blätterteigschnitte. Die muss man nur etwas überlappend auf den Tellerrand legen und kann abbeißen. Da man aber den Teller nicht in der Hand halten darf (Einen schönen Gruß an dieser Stelle !), artet dies natürlich in einige Verrenkungen aus.

18.05 Uhr

Ungeachtet dessen, durchweg nette Leute an Station 1 mit denen sich nach überstehen der ersten beidseitigen Verwunderung über den Altersunterschied eine nette Unterhaltung entwickelte. Aber aufgemerkt ! Immer die Uhr im Auge behalten, denn man hat ja einen festen Zeitplan und vor allem den Hauptgang um 18.30 Uhr zu servieren. Distanz 4.2 km (ca. 15 Minuten). Wir bedanken uns artig für das köstliche Essen und machen uns um kurz nach 18 Uhr auf den Weg in die Dresdner Innenstadt.

18.20 Uhr

Gottseidank befindet sich vor der Haustür von Frau P eine Tiefgarage, so dass auch hier die Parkplatzsuche sich problemlos gestaltet. Während Frau P bereits mit unserem Verpflegungskörbchen hinauf in ihre Wohnung eilt, parke ich das Auto.

Was aber tun, wenn die Zeit drängt, aber flott Nudeln auf den Tisch müssen ? Das Nudelwasser nicht im Topf aufsetzen, sondern im Wasserkocher schnell anheizen und dann erst in den Topf geben. Und voilá: Auch hier perfektes Timing. Die Gäste trudeln ein und wir können ohne Zeitverzug servieren.

18.32 Uhr

Ding Dong… Unsere Gäste sind da. Erstaunlicherweise fast alles Informatik-Studenten. Und auch hier wieder angenehmer Smalltalk, Erfahrungsaustausch über die bereits verspeisten Hors d’oevres und das selbst zubereitete Gericht.

19.00 Uhr

Halt… Da war ja nochwas. Fotochallenge ! Thema: Wie könnte das letzte Abendessen aussehen, wenn morgen die Welt untergeht? Kommt natürlich auf die eigene innere Verfassung an. Entweder es nochmal richtig krachen lassen, die Hände hochreißen und schreiend im Kreis laufen oder eher so etwas wie Der Schrei von Edvard Munch ? Da im Kreis laufen sich schwer statisch auf einem Foto abbilden lässt und Nudeln mit Pesto ein orgiastisches Gelage nur unzureichend abzubilden vermag, haben wir uns für eine Variante von „Der Schrei“ entschieden.

Der Schrei (Original, Munch Museum Oslo)
Und Fälschung (Private Fotosammlung, Dresden nähe Altmarkt)

19.50 Uhr

Und wieder heißt es fliegender Wechsel. Den Abwasch muß man leider zurück lassen, da wie immer die Zeit drängt. Als Besänftigungsmaßnahme hinterlassen wir für die Mitbewohnerin von Frau P eine Portion unserer Pestonudeln. Auf geht’s nach Dresden-Plauen (5.1 km, 15 min).

20.15 Uhr
Und siehe da, wer öffnet uns dort die Tür ? Die beiden Amerikaner, die uns schon bei der Vorspeise begegnet sind… Merkwürdig, da man bei einem Running Dinner normalerweise keine personellen Überschneidungen hat. Weiterhin merkwürdig: 8 Personen am Tisch anstelle der üblichen 6. Die Gastgeber bleiben trotzdem cool. Kein Wunder, es gibt Eis. Und davon reichlich. Genauer gesagt, Oreo-Eis. Ebenfalls relativ simpel, aber mit positiver Resonanz beim Publikum, ganz wie unser Pesto. Und amerikanische Schlemmerei ob fettig, süß oder beides kommt sowieso fast immer gut an, sofern nicht gerade Gesundheitsapostel anwesend sind.

Oreo-Eis
Vanille Eis auftauen lassen
Zerstoßene Oreo-Kekse und Schlagsahne unterheben
Tiefkühlen
Nachbelieben mit roten Beeren servieren

20.30 Uhr

Während wir vom Eis naschen und das langsam aufkommende PPMS (Postprandiales Müdigkeitssyndrom – Fresskoma) ankämpfen, erreicht unsere Gastgeber aufeinmal eine WhatsApp Nachricht der etwas aufgeregten Organisatorin des Abends, dass Ihr zwei ihrer Nachtisch-Gäste abhanden gekommen sind. Offenbar gab es da wohl einen Copy-Paste-Fehler im Zeitplan, der meine Copilotin und mich den Genuss des Oreo-Eises und der Organisatorin Verdruß (in Form zweier nicht beanspruchter Portionen Nachtisch) gebracht hat. Aber das war ja kein böser Wille. Wir haben uns ja brav an unsere Anweisungen gehalten und Nachspeise war ja auch genug für alle da.

21.05 Uhr

Und nochmals ein Szenenwechsel… Das 3-Gänge-Menü ist verzehrt und alle sind satt und zufrieden. Um den Abend dann ausklingen zu lassen und sich mit den übrigen Teilnehmern über das Erlebte auszutauschen, ist es Usus, dass sich an das Running Dinner eine Get-together, sozusagen eine Aftershow-Party stattfindet. Auf geht’s in die Äußere Neustadt.

Hier dann auch die Auflösung der Fotochallenge. Aus der Kategorie Essen ohne Hände gewann eine Variante sich das Essen ganz dekadent wie eine Line Koks durch die Nase zu ziehen, während unsere Neuinterpretation Edvard Munchs leider außer Konkurrenz lief, da das vielzitierte Funkloch leider eine drahtlose Übermittlung des Fotos vereitelt hat. Aber dann waren wir ja auch mehr wegen dem Essen & den Leuten und nicht aus künstlerischen Ambitionen dort.

Fazit & Manöverkritik

Eine durchaus spannende, wenn auch mitunter etwas hektische Möglichkeit neue Leute kennen zu lernen und dabei ein 3-Gänge-Menü zu essen. Zugegeben, hängt auch etwas vom vorgegebenen Zeitplan ab, der bei anderen Veranstaltungen gleicher Art etwas großzügiger auszufallen scheint. Eine Taktung von ca. 1 Stunde ist schon recht sportlich.

Für den, der beim Running Dinner auf den Geschmack an der „privaten Event-Gastronomie“ gefunden hat, gibt es dann auch ein paar Varianten, dies in etwas privaterem Rahmen (also ohne den Kennenlernen-Aspekt) zu adaptieren:

  • Das perfekte Dinner
    Eine beliebte Kochsendung aus dem Privatfernsehen ist dem Running Dinner nicht unähnlich. Hier wird allerdings nicht nur ein einziger Gang, sondern ein komplettes 3-Gänge-Menü zubereitet. Die Gäste speisen und sind dann wiederum an einem anderen Termin an der Reihe, die anderen zu bewirten, bis jeder einmal der Koch war. Dies lässt sich zusätzlich noch etwas aufregender gestalten, indem man jeden Abend unter ein Motto stellt. Die Gäste geben gemeinschaftlich ein Motto vor, dass der Gastgeber möglichst kreativ bearbeiten darf. Die Gäste wiederum kommt die Aufgabe zu thematisch passende Getränke mitzubringen.
  • Potluck-Party
    Zu deutsch Topfglück – Weniger eine Variante eines klassischen Abendessens mit mehreren Gängen, als ein Buffet mit Zufallsgenerator. Ein Brauch aus den USA, den man in Deutschland auch in Ansätzen bei Grillpartys, Geburtstagsfeiern oder Picknicks wiederfindet. Man trifft sich bei einem Gastgeber (oder aber gestaltet das ganze wie ein Picknick in der freien Natur) und jeder der Teilnehmer bringt ein Gericht oder Beilage mit. So erhält man ein Buffet mit großer Auswahl. Natürlich sollte man vorher ein gewisses Maß an Planung einfließen lassen: Die genaue Auswahl des Gerichts kann man für den Überraschungseffekt offen lassen, allerdings sollte man zumindest ungefähr klären, wer was mitbringt. Sonst steht man am Ende mit 5 verschiedenen Sorten Nachtisch da, was suboptimal ist, sofern man nicht ein Nachspeisen-Buffet abhalten möchte. Generell empfiehlt es sich den Leuten direkt eine Aufgabe zu zuteilen. Vertraut man auf die Eigeninitiative der Leute sich in eine Liste einzutragen, tun die Leute dies eher halbherzig und der gewünschte koordinierende Effekt bleibt aus.

    Hier gilt wie beim Running Dinner der präparative Ansatz, da natürlich bei der Potluck-Party nicht alle Gäste simultan die Küche stürmen können. Kleinere Verrichtungen wie kurzes Aufwärmen oder Aufbringen eines Dressings sollte aber drin sein. Bezüglich der Menge der vorzubereitenden Portionen ist übrigens etwas Spielraum gegeben, da solche Events ohnehin meist unter dem Problem leiden, dass oft mehr Essen vorhanden ist, als die Teilnehmer bequem essen können. Qualität geht über Quantität. Man stelle sich das ganze wie in einer Tapas Bar vor: Im Idealfall eine große Auswahl an Köstlichkeiten, durch die man sich durchprobieren kann.

C-A-F-F-E-E

Wer hier öfters mitliest, der weiß, dass ich einen Faible für Kaffee und Kuriositäten habe. Zwei Dinge, die sich vortrefflich kombinieren lassen ! Werfen wir also einen Blick ins Kuriositäten-Kabinett des Kaffeekonsums:

1. Kaffee, das heimtückische Gift

Ein Sprichwort sagt, dass alles was Spaß macht entweder ungesund oder verboten ist. Diesen Vorwurf versuchte man 18. + 19. Jahrhundert dem Kaffeetrinken anzuhängen. So geschehen auch im sogenannten Kaffee-Kanon aus der Feder des sächsischen Komponisten Carl Gottlieb Hering:

C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee. Nicht für Kinder ist der Türkentrank; schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselman, der das nicht lassen kann!

Das Kinder keinen Kaffee trinken sollen, soweit stimme ich dem Liedchen noch zu. Das der braune Trank aber blaß und krank macht, kann ich nicht bestätigen, da ich mich im Normalfall einer gesunden Gesichtsfarbe erfreue. Und das trotz täglichen Verzehrs von 2-3 Pötten Kaffee.

Angesichts der Wortwahl kann man allerdings auch argwöhnen, dass der Text vielleicht auch ein Stück weit politisch geprägt war, da in der Wortwahl die Türken nicht besonders gut weg kommen. Ob der Komponist während seiner Schaffenszeit in Sachsen so viele Türken gesehen hat, um sich eine wohlbegründete Meinung zu bilden, darf bezweifelt werden. Im 19. Jahrhundert war aber das Bild vom sogenannten „kranken Mann am Bosporus“ für das geschwächte Osmanische Reich Gang und Gäbe.

Gustav III Sweden
Aber auch Andernorts ging man gegen den Kaffee vor. In Schweden war Anfang des 18. Jahrhunderts in den wohlhabenden Kreisen schwer in Mode gekommen. Getreu dem Eingangs erwähnten Sprichworts erregte das Kaffeetrinken schnell den Argwohn an höchster Stelle, nämlich dem schwedischen König. Dieser erließ 1746 einen königlichen Edikt gegen „den Missbrauch und exzessives Trinken von Tee und Kaffee“, welches sich in einer saftigen Steuer auf eben diese Getränke äußerte. Wer diesem nicht nachkam und seinen Konsum verheimlichte mußte mit hohem Strafen und der Beschlagnahmung von Kaffeekanne und Tassen rechnen !

Da sich die Freunde der braunen Bohne aber davon offenbar nicht hinreichend beeindrucken ließen, folgte schließlich ein Verbot. Wie uns aber andere ähnliche Projekte, wie z.B. die amerikanische Alkoholprohibition, lehren, hält eine solche Aktion die Menschen nicht wirklich davon ab. Man trinkt also nicht mehr öffentlich, sondern eben im Verborgenen.

Nun war der damalige schwedische Monarch, Gustav III., mit den Ergebnissen der bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung des Kaffeekonsums nicht zufrieden. Wenn also Zwangsmaßnahmen allein nicht fruchten, dann hilft vielleicht ein mit wissenschaftlichen Daten untermauerter Appell an die Vernunft.

Zu diesem Zwecke ordnete der Monarch so etwas ähnliches wie eine Langzeitstudie an. Da man die schädigende Wirkung des Kaffees natürlich nicht auf kosten guter gesetzestreuer Bürger testen wollte, suchte man sich zwei zum Tode verurteilte Häftlinge.

Deren Strafe solle in lebenslange Haft umgewandelt werden unter der Voraussetzung, dass der Eine täglich 3 Tassen Kaffee tränke und der Andere 3 Tassen Tee, sozusagen als Kontrollgruppe. Um eine bessere Vergleichbarkeit zu erzielen, wählte man ein Zwillingspaar. Ein eigens dafür abgestellter Arzt sollte dann den gesundheitlichen Zustand der beiden Kandidaten verfolgen und dokumentieren.

Nun, selbst wenn Kaffee für die Gesundheit schädlich wäre, so kann es zumindest kein besonders wirksames Gift sein, denn beide Probanden überlebten ihre Experimentatoren… Zwei Ärzte und schließlich auch Gustav III. (wenn auch letzterer durch einen Attentat ums Leben kam). Der Anekdote nach starb letztendlich der Teetrinker im recht hohen Alter von 83 Jahren, noch vor dem Kaffeetrinker, dessen Todesdatum leider nicht überliefert ist. Wir können also schließen, dass Kaffee nicht so schädlich ist, wie dereinst angenommen. Und auch der Teekonsum scheint keine nennenswerten Folgen gehabt zu haben.

2. Kaffeeakkustik

Wer interessante physikalische Effekte erleben will, braucht nicht gezwungener Maßen ein Labor. Eine Kaffeemaschine und ein Milchaufschäumer reichen, um einem interessanten akustischen Effekt zu lauschen. Rührt man seinen Cappuccino um und klopft danach mit dem Löffel rhythmisch auf den Boden der Tasse, so steigt die Tonhöhe des Klopfgeräuschs in den ersten Sekunden an. Dieses Phänomen ist der von Crawford und Kollegen 1982 beschriebene Cappuccino-Effekt. (Oder für englische Muttersprachler Hot Chocolate Effect)

Ursache ist, dass durch das Unterrühren der Schaumblasen (also das Einbringen von Luft) die Schallgeschwindigkeit im Kaffee verändert. Bereits ein 1 % Luftblasen im Kaffee senkt die Schallgeschwindigkeit in Wasser von 1500 m/s auf 120 m/s. Wie sich zeigen lässt hängt im System Kaffeetasse die Frequenz (d.h. die Tonhöhe) von der Schallgeschwindigkeit ab. Während die anfängliche niedrige Geschwindigkeit tiefe Tonhöhen begünstigt, führt das Aufsteigen der Blasen an die Oberfläche zu einer steigenden Schallgeschwindigkeit und damit auch zu einer höheren Tonhöhe.

Zugegeben, diese Erkenntnis ist erstmal von eher geringem praktischen Nutzen im Alltag, ist aber ein ganz nettes Kabinettstückchen. Übrigens, wer keinen Cappuccino mag: Funktioniert auch, wenn man Salz in siedendheißes Wasser oder kaltes Bier einbringt !

Frenglisch

Als ich neulich die Papiere auf meinem Schreibtisch umschichtete, fiel mir ein fast vergessenes Schmuckstück internationaler Linguistik in die Hände. Bei meinem Frankreich-Aufenthalt von 2009 hatte ich das Vergnügen das französische Gesundheitssystem zu testen. Um Kommunikationsprobleme mit dem Arzt zu vermeiden, entschied ich mich in die Hände der Ambulanz eines Krankenhauses zu begeben, da man dort sicher auch Englisch spricht. Nun, der Arzt sprach genauso schlecht Englisch wie ich Französisch, aber mit wildem Gestikulieren und einzelnen Brocken Englisch/Französisch war dann doch soetwas wie Kommunikation möglich. Soweit so gut. Nur mit meiner Europäischen Krankenversicherungskarte konnte dort keiner etwas anfangen. Hätte da genauso gut auch meine Mensa-Karte vorlegen können. Aber immerhin, Bargeld wollten sie keins sehen.

Zurück in Deutschland dann, 2 Monate später, flattert mir eine freundliche Zahlungsaufforderung ins Haus. 32 EUR für die Konsultation eines Arztes, zahlbar per Scheck oder in Bar an die öffentlichen Kassen in Paris. Ein kurzes Telefonat mit meiner Bank klärte: So etwas wie einen im europäischen Ausland einlösbaren Scheck gibt es nicht, eine Überweisung wäre das Mittel der Wahl.

Leider ist sind Überweisungen in Frankreich eher unüblich, weswegen auf der Zahlungsaufforderung auch keine Bankverbindung angegeben war. Empfehlung meiner Bank einfach einen Zahlungsauftrag im Aussenwirtschaftsverkehr ausfüllen, das geht vielleicht auch nur mit der Postanschrift der Bank anstelle der Kontonummer. Gebühren… lumpige 25 EUR. Fast soviel wie meine Rechnung… Äh… Nein.

Also, Einschreiben ans Krankenhaus: Bitte schickt mir Eure Bankverbindung, dann schick ich Euch mein Geld. Die Antwort brauchte wieder 1 Monat. Grund Adressermittlungsverfahren… Denn adressiert war der Brief an mich in 99109 Allemagne und diese Stadt kennt die Deutsche Post nicht. Der Inhalt des Briefs… Nun, lesen sie selbst:

Nun, hätte ich nicht gewusst, was die Franzosen mir da mitteilen wollen, wäre es schwer geworden. Aber immerhin, auf Seite 2, einer ziemlich ausgemergelt ausschauenden Fotokopie, die Bank inklusive BIC und IBAN. Beim oben abgebildeten Anschreiben kann ich nur vermuten, dass der Google Translator einen französischen Text Wort für Wort ins Englische transferiert hat, denn irgendwie erinnert der Satzbau ans Französische.

Tja, wie sagt der Franzose: C’est la vie…

Aller Anfang ist schwer

Alle Jahre wieder gucke ich in meine Kiste mit Erinnerungsstücken: Eine Sammlung aus Briefen, Fotos, Eintrittskarten von besonders denkwürdigen Events und allerhand anderer Dinge, die einen in Erinnerungen schwelgen lassen. Darunter auch dies hier:

Nun, was hat es damit auf sich ? Damals im Oktober 2000 hatte es mich an die Uni Münster verschlagen, um dort meine ersten Gehversuche auf dem Gebiet der Chemie zu unternehmen. Auftakt der OE-Woche (OE = Orientierungseinheit) bildete die Erstsemester-Begrüßung. Da saß ich nun mit den ganzen anderen Erstes, an die 130 Leute, im großen Hörsaal C1 und harrte der Dinge, die da kommen würden. Punkt 10:00 betrat eine Handvoll Fachschaftler und Assistenten die Bühne und verkündete, dass es dieses Semester wohl zu einer Panne bei der Immatrikulation gekommen sei: Es wurden mehr Studenten aufgenommen, als es Studienplätze gäbe. Um dieses Dilemma zu beseitigen, würde nun eine kurze Einstufungsklausur abgehalten werden, um zu ermitteln, wer wie geplant starten dürfe und wer bis zum nächsten Semester warten müsse.

Vor lauter Aufregung, die der Studienbeginn so mit sich bringt, ist es vermutlich nur Wenigen komisch vorgekommen, dass so eine gravierende Mitteilung nicht von einem Professor, sondern von der Fachschaft verkündet wird. Die erste Aufgabe auf dem Klausurbogen, ein ziemlich martialisch anmutendes Konstrukt, hat dann sicher auch sein übriges Getan, uns Erstis einzuschüchtern:

Lösung (von oben li. nach unten re.): 1. Zeile: Kupfer // Cu(OH)2 // CuO; 2. Zeile: CuI + I2 // [Cu(NH3)4]SO4; 3. Zeile: CuI // Kupfer
Dieser Aufgabentyp ist auch bekannt als „Kampfstern“: Sternförmiges Reaktionsschema, mit dem viele Studenten in Klausuren zur anorganischen Chemie hart kämpfen müssen, um die Lücken darin auszufüllen. Und das nach Besuch entsprechender Vorlesungen und Übungen ! Am ersten Tag des Studiums reicht das jedoch, um auch hartgesottene Naturen in Unruhe zu versetzen. Ich jedenfalls, ohne Chemiekurs in der gymnasialen Oberstufe, war völlig aufgeschmissen.

Also machte ich das, was wohl jeder im Angesicht einer unlösbaren Klausuraufgabe macht, nämlich umblättern:

Skizzieren sie ein galvanisches Element, dass aus einer Normalwasserstoffelektrode (NHE) und einer Kupferelektrode besteht, welche in eine Kupfersulfatlösung eintaucht !

Öhm… Next !

Toxikologie: Welche Gefahren für die Gesundheit gehen von übermäßigem Konsum von Dihydrogenmonoxid aus ?

Ok, von diesem alten Chemie-Kalauer hatte ich schon mal gehört. Dihydrogenmonoxid = klug für Wasser. Hier hielt ich es für hinreichend sicher, die Vermutung zu äußern, dass evtl. Ertrinken gemeint sein könnte… Aber dann direkt in der nächsten Aufgabe – Bäm ! – werden direkt die Valenzstrichformeln für Alkohol, Schwefelsäure, Benzol und Kaliumpermanganat gefordert ! Äh… Schnell weiter. Irgendwo muß es doch etwas einfacheres geben…

Zeichnen Sie den Querschnitt durch ein Magnetrührstäbchen, Zählen Sie wieviele Wasserstoffatome vor Ihnen auf dem Tisch liegen !

Sehr merkwürdig ! Doch wem bis jetzt noch nicht aufgegangen sein sollte, dass es sich hier um einen klassischen Scherz auf kosten der Neulinge handelte, dem wurde es spätestens damit klar:

April, April !

Und tatsächlich hatte sich so mancher mit einem erleichterten Grinsen von seinem Platz erhoben, um God save the queen zu summen.

Bei besagtem Länderspiel handelt es sich übrigens um das letzte Spiel im alten Wembley Stadion, bevor dieses abgerissen wurde, in welchem Niemand anderes als Dietmar ‚Didi‘ Hamann den Siegtreffer zum 1:0 erzielte. In Folge dieser Schmach musste dann der britische Nationaltrainer Kevin Keegan seinen Hut nehmen. Das Tor hatte auch in sofern ein Nachspiel, als dass 5 Jahre später bei der Abstimmung, wie die neu errichtete Stadionbrücke heißen solle, der Vorschlag deutscher Fußballfans die Brücke „Dietmar Hamann Gedächtnisbrücke“ zu nennen, die meisten Stimmen erhielt. Man entschied sich dann, dem Abstimmungsergebnis zum Trotz, der Brücke einen anderen Namen zu geben.

Wir sehen also, ein klassischer Initiationsritus für Frischlinge. Doch was zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich noch keiner vermutet hat: Eine solche Einstufungsklausur ist gar nicht notwendig gewesen, denn nur wenige Studiengänge haben eine ähnlich hohe Verschleißquote, wie ein Chemiestudium. In einer alten Chemiker-Anekdote sagt der Prof zu seinen Studenten: „Gucken Sie mal nach links, gucken Sie mal nach rechts… Die Leute, die sie dort sehen, werden sie nächstes Semester nicht mehr wiedersehen !“ Eine Geschichte, die durchaus ein Körnchen Wahrheit beinhaltet. Angefangen haben wir mit 130+ Studenten. Im 4. Semester sind nur noch 78 Teilnehmer zum Grundpraktikum Organische Chemie angetreten. Und nach 9 Semestern waren es gerade mal 23 Leute, die ihr Diplom gemacht haben. Und aus meiner OE-Gruppe, anfänglich 10 Personen, haben, mich eingeschlossen, nur 2 Personen das Vordiplom erlebt. Ok, so manchen verreißt in der einen oder anderen Prüfung. Aber, gerade in den frühen Semestern, gibt es auch genügend Leute, denen ein Chemiestudium zuviel Palaver ist. Praktikum in den Semesterferien… In irgendeiner stinkenden, potentiell giftigen Brühe rühren, wenn andere Studis am See in der Sonne liegen ? Das mag nicht jeder. Analysen kochen, unter Zeitdruck, während man sich den Abzug mit 4 anderen leicht chaotischen Zeitgenossen teilt ? Es soll auch Leute gegeben haben, die plötzlich festgestellt haben, dass sie Angst vor Chemikalien haben. Und überhaupt ist so ein Chemielabor auch nicht das, was uns die Medien vorspiegeln: Nein, kein Platz wo alles schön weiß und sauber ist und lustige bunte Flüssigkeiten vor sich hin blubbern. Da geht’s schon eher zu wie in einer Werkstatt… Wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Ja, irgendwie ist es schon wahr, dass man als Chemiker schon, im positiven Sinne, leicht einen an der Waffel haben muss um so etwas zu studieren. Ein gewisser Conan in einem Internetforum bringt es auf dem Punkt:

Soweit ich weiß, sind meiner Meinung nach Chemiker die zähesten Brocken die ich kenne. Die geben normalerweise nicht auf und lassen nie locker, egal was sie machen. — Conan (25.04.2002)

Wie heißt es so schön ? Chemie ist, wenn man trotzdem lacht.