Kategorie: Übrigens…

Wenn die Maschinen streiken

Immer wieder hört man, dass Kollege Computer eines Tages dank Automatisierung uns alle arbeitslos machen wird. Wiederum anderswo wird die Rache der Maschinen als mögliches Weltuntergangsszenario heraufbeschworen, z.B. in der Terminator-Reihe, in der das finstere SkyNet mit Killer-Robotern versucht die Menschheit zu Vernichten. Oder im Song Dusche von Farin Urlaub, in welchem sich die Haushaltsgeräte verschwören, den Protagonisten des Lieds meuchlings und hinterrücks zu ermorden.

Terminator Exhibition T-800 - Menacing looking shoot
Gestatten: Arnold – Rebellion der Maschinen
Doch wenn man mal genauer drüber nachdenkt, ist ein solcher Aufwand gar nicht notwendig. Kein Killerroboter muß sich die chromglänzenden Finger schmutzig machen, um der Menschheit tüchtig Einen einzuschenken. Er und seine Maschinenkollegen brauchen sich einfach nur zurückzulehnen und zuzusehen, wie unsere Zivilisation zum Erliegen kommt, wenn die Maschinen aufhören ihren Dienst zu verrichten. Denn: Immer mehr Aspekte des täglichen Lebens sind in zunehmendem Maße von Elektronik bestimmt.

Dies wurde mir gerade vor ein paar Tagen bewußt, als mein Bürocomputer auf Arbeit spontan das Zeitliche segnete. Da war dann erst mal Zwangspause angesagt: Der überwiegende Anteil der arbeitsrelevanten Daten existieren nur noch in elektronischer Form. E-Mails verschicken: Fehlanzeige. Gut, dass ich alle wichtigen Telefonnummern auf einem Stück Papier stehen habe, denn auf das Telefonverzeichnis der Firma (im Intranet) konnte ich ja auch nicht zugreifen, um herauszufinden, wie ich den EDV Experten erreiche !

Ähnlich ergeht es wohl auch vielen im privaten Bereich, wo einige neuralgische Aspekte des täglichen Lebens mittlerweile mit dem Smartphone koordiniert werden. Familie und Freunde anrufen wird schwierig, wenn alle Kontaktdaten in der Cloud stecken und Smartphone & Tablet streiken. Aber anrufen oder SMSen geht ja ohne Telefon eh nicht. Mit etwas Glück erinnern wir uns vielleicht an die Postanschrift und verfassen – ganz oldschool – handschriftlich einen Brief. Ein Phänomen, welches Heutzutage leider aus der Mode gekommen ist.

Aber selbst wenn nur das Handy-Netz ausfällt, ergeben sich daraus schon interessante Komplikationen. Die heutzutage schon als selbstverständlich angenommene ständige Erreichbarkeit ist nicht mehr gegeben. Wer nicht daheim ist, kann auch keine Anrufe entgegen nehmen. Dementsprechend war es früher üblich eine Nummer für tagsüber (für Notfälle) und eine für Abends mit seinen Kontakten zu teilen.

Überhaupt wird Informationsübermittlung, d.h. also auch die mediale Teilnahme am Weltgeschehen, schwierig. Radio und Fernsehen sind elektronisch, von Online Medien (diesen Blog hier eingeschlossen) mal ganz zu schweigen. Wer ließt in unserer schnelllebigen Zeit noch eine richtige Zeitung (vom ruhigen Frühstück am Wochenende mal abgesehen)? Da wird zwischen Tür und Angel in der Straßenbahn mal schnell überflogen, was tagesschau.de und Spiegel Online so bringen.

Auch Online Recherche gibt es nicht mehr. Computer kaputt? Fahrradreifen platt? Rotweinflecken aus einem Seidenhemd entfernen? Tja, bei YouTube hätte es jetzt ein Do-it-yourself-Tutorial-Video gegeben, wie man einfache Reparaturen selbst ausführt. Aber auch anspruchsvollere Recherchen gibt es nicht mehr. So sind in der Wissenschaft alle Fachjournale weitestgehend elektronisch verfügbar. Die Bibliotheken verzichten zunehmen auf die Anschaffung der Printausgaben. Elektronische Kommunikation ist im modernen Wissenschaftsbetrieb nicht mehr wegzudenken.

Nachts um 2 Uhr noch schnell Klamotten kaufen ? Online Shopping !

Während man den täglichen Einkauf auch heutzutage gerne noch offline erledigt und auch vieles Andere ohne große Mühe vor Ort zu beschaffen ist (Ok, kleine Dörfer jetzt mal ausgenommen.), wird es schon etwas kritischer, wenn man etwas ganz bestimmtes Spezielles braucht, dass erst bestellt werden muss. Dann geht offline nämlich erst mal ein mühevolles Wälzen von Katalogen oder eine langatmige Hatz durch den einschlägigen Fachhandel (der das Teil auch gerade nicht an Lager hat) los, der das gerne für sie bestellt. Übernacht Expressversand können wir uns aber abschminken. Ein positiver Effekt ist wiederum, dass der kleinen Händlers um die Ecke gestärkt wird und man den guten persönlichen Kontakt pflegen kann.

In unser Freizeit ändert sich auch so Einiges… Kein Prokrastinieren im Internet, kein Zocken auf der Konsole, kein Fernsehen oder Netflix, kein Musikhören oder „Bubble Witch“-Spielen in der Straßenbahn. Also ab geht’s an die frische Luft. Oder bei Regen mal wieder ein gutes Buch lesen.

So kann man die Aufzählung fast beliebig lange fortsetzen. Neben einiger Erschwernisse, gibt es aber auch in mancherlei Hinsicht hätte gewisse positiven Seiten, wie wir bereits gesehen haben. Zum Beispiel in puncto immerwährende Erreichbarkeit. Neben so ganz offensichtlichen Dingen, dass Niemand gerne nach Feierabend oder im Urlaub vom Chef angerufen werden möchte, hat die ständige Erreichbarkeit auch negative Auswirkung auf unseren Umgang miteinander:

Während früher Verabredungen ein gewisses Maß an Vorausplanung und Zuverlässigkeit erforderten, setzt man heute auf „Spontanität“: Absagen und Planänderungen in letzter Minute und Arrangements a la „Geh schon mal vor, ich komme später und erfrage Deinen Aufenthaltsort“ sind leider im Trend. Ein Aspekt unseres elektronischen Lebens, der entbehrlich ist, denn der Grat zwischen „Spontanität“ und Unzuverlässigkeit ist schmal. Wer früher zu spät kam, hatte Pech gehabt und musste sich dem Ärger der versetzten Gegenpartei stellen. Auch die Kommunikation via SMS, WhatsApp etc., so praktisch sie manchmal ist, hat ihre Schattenseiten. Man mag den Eindruck gewinnen, dass man sich heutzutage nicht mehr soviel Mühe zu geben braucht, um den Kontakt mit seinen Bekannten aufrecht zu erhalten. Eine schnelle Kurzmitteilung und ein paar Fotos im Anhang müssen genügen, um seine Mitmenschen an seinem Leben teilhaben zu lassen, anstelle sich die Zeit für ein persönliches Treffen zu nehmen. Kommt es zu einem Treffen ist es auch eine verbreitete Unsitte ständig mit einem Auge auf’s Smartphone zu schielen und selbiges gut sichtbar auf dem Tisch zu platzieren oder sogar während einer Unterhaltung mal schnell Facebook zu checken. Während dies unter Freunden und Geschäftspartnern schon unhöflich ist, verbietet sich dies ganz besonders beim Essen.

Wir empfehlen: Das lustige Handyspiel (gegen Online Junkies beim Abendessen)

Alle legen Ihr Telefon mit dem Display nach unten in die Mitte des Tischs. Dann wird gegessen. Der Erste, der sein Handy wieder in die Hand nimmt, bevor die gemeinsame Mahlzeit beendet ist, bezahlt die gesamte Rechnung.

Das fortwährende Schielen aufs Handy, das gefürchtete Phantomvibrieren in der Hosentasche und das grundlose Zusammenzucken, wenn das Handy des Nachbarn Geräusche macht: Alles Ausprägungen unserer Angst etwas zu verpassen. Ebenso gibt es Studien, die gefunden haben wollen, dass die ständige mediale Dauerberieselung unseres Gehirns negative Einflüsse auf unser Gedächtnis hat. Der ständige Zustrom an Informationen, lässt uns kaum Zeit das Erfahrene im Gedächtnis abzuspeichern.

Mehr Wohlbefinden durch weniger Smartphone

Als Intervention wider dieses leidlichen Umstands, wurde das sogenannte Digital Detox erfunden. So wie man zur Entgiftung auf Alkohol, Zigaretten und Koffein verzichten kann, so kann man auch zur mentalen Regeneration auf Smartphone und Computer verzichten. Da es dem Menschen aber oft schwerfällt liebgewonnene Marotten abzulegen, hat die Wellness Industrie hierfür die passenden unterstützenden Maßnahmen geschaffen. Von Seminaren, die zu verantwortungsbewußtem Medienkonsum animieren, während das Handy im Safe des Tagungshotels weggeschlossen wird, bis hin zum Digital Detox Bootcamp . Nordic Walking am Busen der Natur zum Beispiel eignet sich hier vortrefflich, ganz besonders dann, wenn kein Handymast mehr in Reichweite ist. Aber solche elektronikfreien Refugien im Funkloch werden immer seltener. Selbst im ländlichen Masuren im Nordosten Polens, wo es mehr Mücken als Menschen zu geben scheint, steht im von Wald- und Seenlandschaft umgebenen 260 Einwohner Dorf Krutyn ein veritabler LTE-fähiger Funkmast.

Für Sie getestet: Holzhütten mit LTE Empfang

Vielleicht tun die Maschinen uns letztendlich sogar etwas Gutes, wenn Sie in den Streik treten. Dann brauchts eben doch den Terminator für den Aufstand der Maschinen. 🙂

Stollensaison

Same procedure as every year… Nein, es ist noch nicht Sylvester und die Adventszeit hat gerade erst begonnen, aber der Verkauf von Weihnachtsgebäck und -leckereien ist schon wieder in vollem Gange. Während mancher auf so einen frühen Start eher verhalten reagiert, sind andere Leute kaum zu bremsen. So soll es z.B. schon vorgekommen sein, dass bei meinem Doktorvater schon pünktlich zum Verkaufsbeginn im September der erste Christstollen auf dem Kaffeetisch stand.

Schmeckt am besten wenn er gut durchgezogen ist… Christstollen !

Und um genau dieses Gebäck soll es heute hier auch gehen… Christstollen als die Spezialität aus Dresden schlechthin. Laut Lexikon ist ein Stollen (oder in manchen Gegenden von Deutschland auch Stolle1) ein Kuchen aus Hefeteig und erhielt seinen Namen vom althochdeutschen Wort ’stollo’ für Pfosten / Stütze. Natürlich ist ein guter Stollen wesentlich schmackhafter und saftiger als ein Holzpfosten, was unter Anderem an seinem Gehalt an Trockenfrüchten (Sultaninen !), Butter und allerlei Füllungen liegen mag.

Dementsprechend gibt es eine Mannigfaltigkeit an verschiedenen Stollensorten:

  • Mandelstollen
  • Marzipanstollen (mindestens 5 % Marzipan)
  • Mohnstollen
  • Nußstollen bzw. -striezel
  • Butterstollen (mindestens 40 Teile Butter und 70 Teile Rosinen, Orangeat und Zitronat)
  • Quarkstollen (mit Quark oder Frischkäse im Teig)

Ein echter Dresdner Christstollen jedoch enthält (auch wenn Manche Anderes glauben) kein Marzipan oder verwegene Füllungen, sondern ist ein besonders gehaltvoller Butter-Rosinen-Stollen. Über die Qualität wacht hier der Schutzverband Dresdner Stollen, der hier eine Art Reinheitsgebot definiert hat. Dieses schreibt vor, dass ein Christstollen auf 100 Teile Mehl mindestens 50 Teile Butter, 65 Teile Sultaninen, 20 Teile Orangeat und/oder Zitronat und 15 Teile Mandeln enthalten muss (plus die sonstigen Zutaten für einen guten Hefeteig) und keine Magarine oder künstliche Konservierungs- und Aromastoffe enthalten darf. Backformen sind ebenfalls nicht gestattet, jeder Stollen wird von Hand geformt. Und obwohl man schon fast von einem standardisierten Produkt sprechen mag, hat jeder Stollenbäcker (über 120 gibt es im Großraum Dresden) seine persönlichen Tricks und Kniffe (sprich ein von den Altvorderen überliefertes Rezept), die dem Endprodukt eine individuelle Note verleiht.

Das Endresultat genießt einen solchen Ruhm, dass man sich diese beliebte Leckerei von der EU als geographisch geschützte Angabe hat eintragen lassen und die Vorgaben dort festschreiben hat lassen. Das liest sich dann so:

Der Stollen besitzt eine ebenmäßige äußere Form, ist angemessen gebräunt und gleichmäßig gebuttert und gezuckert. Er weist eine gut gelockerte Krume mit gleichmäßig verteilten Früchten auf. Der Stollen riecht und schmeckt rein, aromatisch und abgerundet.

Klingt gut und ist es auch. Damit das auch so bleibt, veranstaltet der Stollenverband jedes Jahr eine Stollenprüfung bei der gestandene Stollenbäcker die Qualität der einzelnen Produkte einer rigorosen Prüfung unterziehen und dann der Bäckerei das goldene Stollensiegel erteilen.

Ordnung muss sein ! Stollenprüfung 2017 vor Publikum in der Altmarkt Gallerie
Ordnung muss sein ! Stollenprüfung 2017 vor Publikum in der Altmarkt Gallerie

Wer sich übrigens wundert warum der weiße Puderzucker so gut auf dem Stollen klebt: Die Antwort lautet Butter ! Viel Butter ! Ein Umstand der ein bisschen der historischen Herkunft des Stollens als Fastengebäck widerspricht. Denn: Auch wenn die Adventszeit heute ein munteres Plätzchenfuttern ist, eigentlich ist sie eine Fastenzeit vor dem christlichen Hochfest Weihnachten. Butter war also beim Backen tabu ! Im Urstollen erlaubt waren Wasser, Mehl, Hefe, Hafer und Rüböl. Man kann sich also vorstellen, dass dieses Gebäck für Naschkatzen eher weniger zu empfehlen war.

Da man aber insbesondere bei Hofe und in Adelskreisen nicht gerade auf frugale Kost nach Art von Schmalhans Küchenmeister stand, begab es sich im Jahre 1486 der sächsische Adel bei seinem Fürsten anfragte eine Aufhebung des Butterverbots beim Papst zu erbitten. Und so wandten sich Kurfürst Ernst von Sachsen und sein Bruder Albrecht der Beherzte sich an Papst Innozenz VIII., der das Verbot mit dem Dresdner Butterbrief aufhob.

Mag sein Gebäck auch lieber mit Butter: Papst Innozenz VIII.

Bei aller Opulenz, die Historie des Christstollen kennt auch Durststrecken: Denn zwischen 1949 und 1990 lag die Heimat des Dresdner Christstollens in der DDR. Wenn man sich die Zutatenliste durchliest, so fällt auf, dass Ingredienzen verwendet werden, die in deutschen Landen von Natur aus nicht vorkommen und deswegen aus dem Ausland importiert werden müssen, z.B. Zitronat und Orangeat. Da nun der deutsche Arbeiter- & Bauernstaat klamm an Devisen war, war man auch klamm an besagten Zutaten. Not macht erfinderisch und dem entsprechend versuchte man den Mangel mit heimischen Erzeugnissen auszugleichen, z.B. mit kandierten Möhren (Kandinat M) für Orangeat und kandierten grünen Tomaten (Kandinat T) für Zitronat. Wie das geschmeckt haben muß, kann ich nur raten. Eine Rosinen-Simulation aus Äpfeln war angeblich auch in Entwicklung, konnte aber geschmacklich nicht überzeugen.

Orangeat
Gehört in einen guten Stollen: Orangeat

Doch zurück zum sächsischen Fürstenhof: Jetzt da der Stollen mit Butter verfeinert wurde, war die Begeisterung beim sächsischen Hofe für das Gebäck offenbar derart groß, dass August der Starke anno 1730 anlässlich des Zeithainer Lustlager, einer prunkvollen Truppenschau, sich einen Riesenstollen backen ließ, der über die Stolzen Maße von 7 x 3 x 0,3 m und ein Gewicht von 1,8 Tonnen verfügte. Hierfür wurde extra vom Hofarchitekten Matthäus Daniel Pöppelmann ein riesiger Ofen konstruiert, der den Stollen aufnehmen konnte. Ein solch zünftiger Stollen braucht natürlich auch ein entsprechendes Werkzeug, um ihn in verzehrfertige Portionen zu zerteilen. Hierfür ließ man das „Große Stollenmesser“, ein 1.6 Meter langes Küchenutensil aus Silber anfertigen, mit welchem der Stollen dann in 24000 Portionen aufgeteilt wurde.



Der historische Riesenstollen Augusts des Starken !
Der historische Riesenstollen Augusts des Starken !

Auch heutzutage versucht man sich an riesigen Christstollen. Jedes Jahr anlässlich des Dresdner Stollenfests wird aufs neue ein Riesenstollen gebacken. Die Ausgabe aus dem Jahr 2013, gebacken aus etwa einer Tonne Mehl, zwei Millionen Sultaninen, 563 Kilogramm Butter, 172 Kilogramm Zitronat/Orangeat, 337 Kilogramm Zucker und 120 Liter Jamaika-Rum, brachte es auf stolze 4246 kg und hält damit den Weltrekord. Auf den Riesenofen verzichtet man heute und baut den Stollen aus ca. 500 einzelnen Stollenplatten von etwa 8 kg Gewicht zusammen. Vermutlich keine schlechte Idee, will man das beliebte Szenario „Außen knusprig schwarz und innen roh“ vermeiden. Ist das große Backen erstmal vorbei, werden die einzelnen Platten nach einem ausgeklügelten Verfahren mit reichlich Butter und Zucker zusammengeklebt. Der Maschinenbauer Prof. Kurt Merker tüftelte 1994 ganze 8 Wochen lang daran, wie der Stollen denn nun zusammenzubauen sei und entwickelte sogar eine Vorrichtung zum exakten Stapeln der Platten.

Mauern in der Backstube: Butter statt Mörtel
Mauern in der Backstube: Butter statt Mörtel

Geht man von einem Kaloriengehalt von 416 kcal/100 g aus, hat diese kapitale Köstlichkeit satte 17,7 Mio. kcal. Das entspricht dem Brennwert von 2122 L Benzin, was bei einem Durchschnittsverbrauch von 7 L pro 100 km dafür reicht etwa 3/4 des Äquators mit dem Auto abzufahren ! Das ist natürlich Unsinn. Der Stollenmotor ist leider noch nicht erfunden.

Doch wo Rekorde aufgestellt werden, ist die Konkurrenz nicht weit. So unternahm Lidl (Bereich Niederlande) 2010 im niederländischen Haarlem das Unterfangen einen 72.1 m langen Rekordstriezel zu Backen. Das Gewicht wird im Guinnessbuch nicht überliefert, allerdings darf, EU Verordnung sei dank, zu recht angenommen werden, dass es sich geografisch bedingt um keinen echten Dresdner Christstollen handelte.

Großes Dresdner Stollenmesser Nachbildung 2011
Großes Dresdner Stollenmesser Nachbildung 2011
Ein Großes Stollenmesser gibt es aber immer noch, wenn auch als Replik (und auch für Zuhause). Das Original verschwand leider in den Wirren des 2. Weltkriegs mitsamt des restlichen Silberschatzes der Wettiner. Das Zerteilen des Stollens (nachdem dieser in einem festlichen Umzug durch die Dresdner Altstadt gefahren wurde) erfolgt dann auf dem Striezelmarkt, ausgeführt vom Oberbäckermeister und dem Dresdner Stollenmädchen.

Das Stollenmädchen ist eine weihnachtliche Analogie zur Weinkönigin, also Repräsentantin und Frontfrau für den Dresdner Christstollen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass alle Kandidatinnen für diesen Posten Bäckerinnen-, Konditorinnen- und Bäckereifachverkäuferinnen-Azubis in einer Dresdner Stollenbäckerei sein müssen, da das Stollenmädchen sich natürlich bestens mit der Materie auskennen muß.

Dieses Jahr tritt die Stollenkönigin in seiner 23. Inkarnation in Gestalt der Konditoren-Azubine Hanna Haubold vor die Stollenfans.
Dieses Jahr tritt die Stollenkönigin in seiner 23. Inkarnation in Gestalt der Konditoren-Azubine Hanna Haubold vor die Stollenfans.

So, nachdem wir uns den Christstollen in all seinen Facetten angesehen haben, lässt der Autor nun den Worten die Taten folgen und vergewissert sich selbst, ob das hier angepriesene Produkt auch dieses Jahr seinem Ruf gerecht wird. In diesem Sinne: Frohen 1. Advent !


  1. An dieser Stelle ein schöner Gruß an Anja E. 🙂

 

Mein Hut der hat vier Ecken

imageWer Chemie studiert, der hört selten nach Bachelor, Master oder Diplom auf, sondern setzt noch einen Doktor oben drauf. Eine mühselige Prozedur in die viel Blut, Schweiß & Tränen einfließen (aber oft auch Spaß macht). Dabei dient dieser Prozess nicht der persönlichen Eitelkeit, indem man sich mit einem Titel schmückt, wie es vielleicht das Verhalten mancher Politiker erahnen lässt. Guckt man in die Stellenangebote für Chemiker, so wünschen sich die potentiellen Arbeitgeber fast immer einen Dr. rer. nat. oder artverwandte Spezies.

Nun stellt man sich 3 Jahre ins Labor und forscht munter drauf los, schreibt schließlich eine mehr oder minder dicke Doktorarbeit (meine hat 226 Seiten) und krönt das ganze mit einer Disputation (hier in Gießen sind das 30 min Vortrag + mind. 60 Minuten Prüfung). Und dann kriegt man seinen Doktorhut aufgesetzt. Während besagter Hut zu Zeiten Luthers noch rund war, findet man heutzutage Hüte in Form des anglo-amerikanischen “mortar board”, welches vier Ecken hat.

Traditionell – Modell: Luther
Mortar Board

Während nach traditioneller Art, das ganze ein ernster Vorgang ist, fällt das ganze mittlerweile wesendlich farbenfroher aus. So wird der schwarze 4-eckige Hut mit einer für den Deliquenten individuellen Dekoration versehen, die die jeweiligen Eigenarten des frischgebackenen Doktors oder Anekdoten aus der Zeit der Doktorarbeit thematisieren.

 

Schauen wir uns doch mal ein paar Beispiele für diese Kopfbedeckungen an, die manchmal der selben Kunstfertigkeit wie ein Karnevalsprunkwagen gefertigt sind:

Hut 1 – Rote Locken rocken

Hut 1

Ein beliebtes Motiv sind Modelle der Zielmoleküle des Kandidaten (1). Hier ist das Modell aus Streichhölzern und Fimo gebacken worden. Insgesamt kann so ein Hut bis zu 2 kg Zuladung an Dekoration tragen, die bei diesem Modell, dank diverser Fimo Figuren fast erreicht wurde (z.B. ein Fahrrad, 2). Ein von mir gerne verbautes Element sind Schlumpffiguren, da es zu jedem Thema und Anlass den passenden Schlumpf gibt (3). Eine Besonderheit ist hier die integrierte Perücke Marke Obelix.

Hut 2 – Esel & Wischmopp

1

Die Trägerin dieses Huts mag Esel. Daher die charakteristischen Ohren.

2

Dekorative Doktoranden-Rosette.

3

PhD Comics… Ein von Jorge Cham gezeichneter Comic, der bemerkenswert authentisch das Doktorandenleben charakterisiert.

4

Molekülmodell, hier in Leichtbauweise, mittels eines professionellen Molekülbau-kastens.

5
Wischmopp-Fransen Marke Vileda. Eine Anspielung auf den zukünftigen Arbeitgeber.

Hut 3 – Für panzerfahrende Musikliebhaber ?

1

Hier mal eine Variation des 4-Eckenmotivs. Eher rund wie der Lutherhut. Liegt hier daran, dass die Hutkrempe aus einer Schallplatte gebaut wurde. Der Träger ist ein Freund guter Musik.

2 Eine weitere Variation. Pink & Lila sind das neue Schwarz. Mitunter muss man aufpassen was man sich (explizit nicht) wünscht.
3 Nervenstärkungstonikum
4

Mit Skalpell und roter Farbe verfeinertes Kriegsspielzeug. Der Hutbesitzer spielt gerne das Strategiespiel Axis & Allies.

Hut 4 – Wenn die Frösche in der Lagune quaken

1

Schnitzarbeit aus Styropor, garniert mit Kleister und Seesand. Um der Froschfigur eine schöne Lagune (mit U-Boot, siehe grünes Periskop) zu Bieten.

2

Die Palme wurde aus mehreren Lagen Papier gezwirbelt.

Hut 5 – Sport & Bier

1

Das offizielle Getränk zum Feierabend. Die Büchse wurde garniert mit einem zum Handball-Schlumpf umge-arbeiteten Fußballschlumpf.

2 Ich sag nur: Bundesliga-Fan.
3 Simpsons Konterfei des Kandidaten
4

Oft sind auch Anzüglichkeiten & Schweinereien auf dem Hut versteckt. Hier mal etwas offensichtlicher als im Blickfeld hängende weibliche, sekundäre Geschlechts-merkmale.

Hut 6 – Der Promotionshelm.

1 Deutscher Doktorand mit großer Sympathie für Japan
2

Der Korpus dieses Huts wurde aus einem Schalen-Dewar gefertigt. Das gläserne Innenleben wurde leider Opfer eines Unfalls. Dieser Hut ist dadurch geradezu Helmartig stabil und trotzdem bequem, dank einer Polsterung aus Schaumstoff.

3 Endlos-Sudoku. Komerziell erhältliches Scherztoilettenpapier für längere Sitzungen.
4

Der ganze Hut wurde als Panzer ausgeführt (Der Träger ist Modellbauer). Realisierung durch einen Schuhkarton und eine Küchenpapier-Rolle in Flecktarnmuster.

5

Der wohl erste Panzerschlumpf (ein umgeschulter Go-Kart-Schlumpf)

So sieht übrigens mein Hut aus:

 

Besonders nett finde ich den elektrisch beleuchtbaren Eiffelturm. Der Hut ist übrigens 6-eckig im Stil eines Benzolrings, da ich mich chemisch gerne mit Aromaten beschäftige.

Sprit ist alle

Als ich gerade das Archiv durchstöberte, fiel mir das folgende Kleinod in die Hände. Es war das Jahr 2011 und die Gemüter waren, ob der gerade erfolgten Einführung des neuen E10 Benzins stark erhitzt:

huhu

Mittlerweile ist der Medienhype um die Benzinsorte E10 ja etwas abgeflaut. Aber offenbar ist der “Biokraftstoff” immer noch ungeliebt unter den Autofahrern. Zumindest gemessen an dem was ich eben an meiner bevorzugten Tankstelle beobachtet habe.

Offenbar war dort nämlich das herkömmliche Super leergetankt worden, was dort auf sichtlichen Unmut einiger potentieller Tankkunden stieß. Der zuständige Tankwart war nicht minder betroffen, da offenbar schon den ganzen Nachmittag die Kunden unverrichteter Dinge wieder abzogen, ob des beklagenswerten Spritmangels. Kein Benzin mehr, das muss man sich mal vorstellen. Neben tiefschürfenden Logistikproblemen seitens der Tankstelle, lässt sich vielleicht noch das Phänomen anführen, das die Spritpreise gefühltermaßen Dienstags immer besonders niedrig zu sein scheinen. Vielleicht lockt dieser Anschein besonders viele Leute an die Zapfsäulen.

imageAuch ich bin erst mal weitergefahren… Schließlich findet sich 500m weiter die Strasse runter ja eine weitere Tankstelle. Dort dann das gänzlich umgekehrte Bild… Autoschlangen an jeder Säule die bis auf die Strasse reichen. Für den Betreiber muss das ein Gefühl wie Weihnachten gewesen sein. Für mich als Kunden… eher Aschermittwoch… weniger schön. 20 Minuten auf Sprit warten wollte ich dann doch nicht. So stellt man sich die Spritrationierung in einer Planwirtschaft sozialistischer Prägung Marke kalter Krieg vor. Alternativen… Einmal durch die Stadt fahren zur nächsten Tanke oder E10 tanken ? Dann halt zähneknirschend E10 tanken.

Ich halte es zwar für unwahrscheinlich das der Biosprit schädlich für Motoren ist, aber ob der erhöhte Ethanolanteil den Sprit jetzt nachhaltiger macht… Da streiten sich die Experten. Ich bleib vorerst bei der klassischen Mischung. Hier mal ein kurzer Blick in die Rezeptur für Benzin der Marke Aral (Ottokraftstoffe gem. DIN EN 228):

image

Komplexes Gemisch aus flüchtigen Kohlenwasserstoffen die Paraffine, Naphtene, Olefine und Aromaten mit C-Zahl vorwiegend von 4 – 12.
Kann Sauerstoffverbindungen enthalten. Kann auch geringe Mengen proprietärer leistungssteigernder Additive enthalten.

— Datenblatt Aral Ottokraftstoffe gem. DIN EN 228

Besagtes Gemisch flüchtiger Kohlenwasserstoffe alias Benzin wird in meiner Grafik oben mal durch Hexan als typischen Vertreter für ein n-Alkan repräsentiert, obwohl alles zwischen Kohlenwasserstoffen mit 4 und mit 12 Kohlenstoffen drin sein kann. Ferner diverse Alkohole als Additive und TBME als Antiklopfmittel. Besagtes Klopfen bezeichnet übrigens den Unerwünschten Effekt, dass der Treibstoff im Zylinder durch Selbstentzündung unkontrolliert verbrennt. Als positives Beispiel für einen “klopffesten” Brennstoff dient Isooctan, daher auch der Begriff Octanzahl.

image

Die Grundmischung ist bei allen Anbietern der selbe, also der eigentliche Sprit. Erst mit den geheimen Zusätzen (Additive) verleiht jeder Anbieter seinem Benzin “die persönliche Note”.

Der Mann der aus der Kälte kam

Der Winter ist ja eine eher ungemütliche Jahreszeit. Es fallen einem Worte wie dunkel, nass und kalt ein. Da liegt es nahe, die kalte Jahreszeit etwas fröhlicher zu Gestalten, etwa mit dem „freundlichen Wintersymbol“ par excellence: dem Schneemann.

Tatsächlich ist der Schneemann so beliebt, dass man ihm den 18. Januar als Welttag des Schneemanns (#wdosm) gewidmet hat. Warum gerade der 18. Januar ? Die deutsche Homepage des WDOSM gibt hierfür u.A. folgende Gründe an: Erstens, symbolisiert die 18 ideal einen Schneemann. 8 als Korpus und 1 als Besenstil. Zweitens, Januar als Wintermonat schlechthin. Hier ist die Schneehäufigkeit am größten. Guckt man in die Wetterdaten so haben wir in Dresden im Januar im Durchschnitt 15.4 Schneetage. Check, passt. Gucken wir aber nach Melbourne (Australien) finden wir zwar keine Daten zu Schneetagen, erfahren aber, dass im Januar dort Temperaturen um die 19 °C herrschen. Kein Wunder, auf der Südhalbkugel ist dann Sommer. Ergo: Kein Schneemann.

Eine Schneefamilie (merke: Die Mama ist die mit dem Besen !) Danke an Ina St. für das Bild !
Eine Schneefamilie (merke: Die Mama ist die mit dem Besen !) Danke an Ina St. für das Bild !

Und warum wird der Schneemann gefeiert ? Ok, er ist international bekannt und als „cooler Typ“ bei Alt und Jung beliebt. Aber (Achtung, jetzt kommt’s !): Er ist ein Vorbild für Toleranz ! Ich zitiere:

Schneemänner sind unpolitisch und haben keinen religiösen Hintergrund, aus diesem Grund sind sie auf der ganzen Welt willkommen. Sie kennen keine Vorurteile.

— Quelle http://welttagdesschneemanns.de/

Und ein bisschen Toleranz kann in diesen Tagen nie Schaden.

Die fachgerechte Konstruktion eines Schneemanns erscheint nicht schwierig. Simple Modelle lassen sich bereits durch Aufhäufen von Schnee zu einem Kegelstumpf realisieren. Was die Form hier aber nicht hergibt, muss dann durch die richtigen Accessoires ausgeglichen werden, wie z.B. Kohlestücke für Gesicht und Knöpfe, eine Karotten-Nase, ein Besen, vielleicht auch das eine oder andere Kleidungsstück, wie ein Schal oder ein Zylinderhut.

Modell Kegelstumpf
Modell Kegelstumpf

Der Experte weiß jedoch, dass der Schnee am besten ist, wenn er kurz vor dem Tauen steht, dann lässt er sich nämlich am besten Formen, z.B. zu großen Kugeln rollen, weil er dann gut ‚pappt‘. Am haltbarsten ist der frostige Geselle, wenn es dann in der Nacht nach dem Bauen wieder tüchtig friert und ihm einen soliden Eispanzer verleiht. Falls der Schnee nicht feucht genug dafür ist, kann man ihn auch mit der Gießkanne leicht anfeuchten.

Texas Snow Massacre
Texas Snow Massacre

 

Kleinstschneemann auf dem Fensterbrett -- Danke an Jeannette H.
Kleinstschneemann auf dem Fensterbrett — Danke an Jeannette H.

 

Olaf lebt !
Olaf lebt !

Der Welt größter Schneemann stand übrigens, wen wundert es, im Land, wo es alles in supersized gibt: den USA ! In 2008 errichtete man dort einen 37.2 m hohen Schneegiganten mit Namen Olympia Snowe (zu Ehren der gleichnamigen Senatorin von Maine). Da der Gentleman ja über das Gewicht von Frauen Stillschweigen bewahrt, ist über das Gewicht dieser Giganten nichts überliefert. Ihr Vorgänger aber, „Angus, King of the Mountain“ mit Namen und 34.6 m groß, brachte es angeblich auf ein Gewicht 4080 t. Da muss es also tüchtig schneien, damit man genug Material für so einen Riesen hat.

Ein weiterer prominenter Schneemann, der sogar eine eigene Webpräsenz besitzt, ist Snowzilla aus Anchorage, Alaska. Er ist zwar nicht ganz so groß mit „nur“ 7.6 m Größe, aber er war bereits Mittelpunkt eines politischen Skandals, als die städtischen Behörden in Anchorage sein Wiedererstehen in 2008 fast verhindert hätten.

Quelle: Snowzilla.com

Bei dieser großen Popularität ist es nicht verwunderlich, dass der wohlsortierte Fachhandel verschiedenste Schneemann-zentrierte Paraphrenalien für den Welttag bereit hält:

  • Schneemannbausatz inklusive Schmelzeffekt:
    Schnell mal einen Schneemann kneten, auch wenn draußen kein Schnee liegt. Weiße Knete plus Deko machen’s möglich. Und moderner Forschung sei dank, kann man dann zugucken, wie die das Knetkunstwerk anschließend zerfließt

  • Der Schneemann-Pups:
    Doch Aufgemerkt: Steht der Schneemann auf dem Rasen, ist es schnell passiert, dass er einem auf den selbigen kackt. Zwar ist er stubenrein, aber selten sind ihm Beine gegeben mit denen er auf’s Klo gehen könnte

  • Schneemann-Suppe
    So, jetzt hat das Vieh uns schon die Bude vollgekackt, dann kommt es jetzt zur Strafe in die Suppe. Na gut, dass ist vielleicht ein wenig brutal. Dann greifen wir eben zu folgender Fertigbüchse. Die enthält zwar nur Marshmallow Stücke, dafür müßen aber auch keine Schneemänner sterben.
  • Schneemann-Klo
    Um also dem Schneemann einen standesgemäßen Stuhlgang zu ermöglichen gibt es auch geeignete Maßnahmen:

Also, der WDoSM kann also kommen. Und für die, die auf der Südhalbkugel leben, hier ein kleiner chemischer Gimmick zum Schluss.

Ich geh mit meiner Laterne I

Wenn ich an den Kindergarten/Grundschule zurück denke, ist mir unter Anderem eine Sache besonders lebhaft in Erinnerung geblieben: St. Martin & der zugehörige Laternen-Umzug. Schon der Schulunterricht war im Vorfeld stark von diesem Fest geprägt, denn die Laternen für den Umzug wollen ja schließlich auch gebastelt werden. Dies bedeutete natürlich jedesmal eine wahre Schlacht mit Schere, Kleber, Fotokarton und farbigem Transparentpapier. Bedingt durch die an die ganze Klasse ausgegebene Themenvorgabe/Bastelanleitung, war dann jede Grundschulklasse beim Laterne laufen dann gut zu unterscheiden.

stmartin

Ein weiterer wichtiger im Vorfeld zu klärender Aspekt ist natürlich die Frage, wie man die Laterne beleuchtet: elektrisch oder traditionell mit Kerze. Da offenes Feuer in Verbindung mit Papier bei mir schon seit jeher einen gesunden Respekt hervorgerufen hat, fiel die Wahl bei mir immer auf den batteriebetriebenen Fackelstock. Da dieser aber offenbar gefühlt jedes Jahr kurz vor St. Martin eine mittelschwere Funktionsstörung hatte musste, für meine Schwester oder mich, mindestens ein neuer herbeigeschafft werden.

Ebenso gehörte zur schulischen Vorbereitung auf das Event das Einstudieren des traditionellen Liedguts: Das „St. Martins-Lied“ war natürlich Pflicht (Ich war schließlich auf einer katholischen Grundschule…) und wurde entsprechend ergänzt durch „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne…“, „Ich geh mit meiner Laterne“, „Durch die Strassen auf und nieder“, „Lasst uns froh und munter sein“, „Bunt sind schon die Wälder“ und (etwas mundartliches muss ja auch dabei sein) „Loop, Möller, loop !“
Höchster Schloß Tor St Martin
Der St. Martins Abend fing dann erst mal mit einem ökumenischen Gottesdienst an, an welchen sich dann der Laternenumzug von der Kirche durch das Viertel bis zur Grundschule anschloß. Vorne vorweg der hl. Martin hoch zu Roß in seiner glänzenden römischen Legionärsrüstung, hinten dran eine Blaskapelle zur musikalischen Begleitung des Gesangs. An der Schule endete der Umzug dann am großen Martinsfeuer, wo dann die Sage vom hl. Martin, der seinen warmen Mantel mit dem Schwerte teilt und eine Hälfte einem Bettler schenkt, der damit vor dem Erfrierungstod gerettet wird, schauspielerisch reinszeniert wird.

Weckmann

An dieser Stelle betritt nun der zweite Held des Abends die Bühne: der Weckmann oder Stutenkerl. Ein aus süßem Milchweißbrot (Weck) gebackener Mann, der typischerweise mit einer kleinen Tonpfeife verziert ist. (In etwas luxuriöseren Varianten auch mit Rosinen, Mandeln und Zuckerguss erhältlich) Dieses Gebäck wird im Rheinland traditionell zu St. Martin gebacken (und schmeckt besonders gut mit Nutella) Im Anschluss an unseren Grundschulumzug erhielt jedenfalls jedes Schulkind einen solchen Weckmann zum späteren Verzehr.

Für viele Kinder folgte dann das Martinssingen, also von Tür zu Tür zu ziehen und den dortigen Bewohnern ein Martinslied vorzusingen und damit um Süßigkeiten zu erbitten. Bei meiner Familie fiel dieser Teil des Brauchtums aus, es folgte eine andere schöne Tradition: der Martinsgänsebraten mit Rotkohl und Klößen.

Wer nun eine althergebrachte Tradition hinter dem ganzen vermutet hat nur teilweise recht. Der religiöse Bezug, also der Appell an die christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit ist noch gar nicht so alt. Diese wurde größtenteils erst nach dem 1. Weltkrieg im Rheinland mit älteren Gebräuchen zum Martinstag verheiratet. Laternenumzüge, Martinsfeuer, Festschmaus mit Gans und das Heischelaufen der Kinder gab es aber schon vorher.

Der Martinstag am 11. November markierte übrigens den Beginn der Fastenzeit vor Weihnachten. Deswegen wurde am 11. November noch mal ordentlich geschlemmt, schon allein um alle nicht Fasten-kompatible Lebensmittel zu verbrauchen. (Man beachte parallelen zur Fastnacht, zu der man auch noch mal vor Aschermittwoch so richtig die Schwarte knacken lässt)

Nun ist das Rheinland auch eher eine Region mit hohem Anteil an Katholiken. Nun sind allzu religiöse Gebräuche wohl in letzter Zeit eher auf dem Rückmarsch. So hat sich, auch im Rheinland, mittlerweile das aus dem englischsprachigen Raum importierte Halloween bei uns etabliert. In Teil II dieses Artikels möchte ich mich also dieser Alternative einmal widmen. Stay tuned…

Augen auf beim Kaffeekauf

Ein extrem wichtiger Faktor für einen produktiven Arbeitsablauf in vielen Büros ist ein stetiger Nachschub an Kaffee. Deswegen ist fast überall eine Kaffeemaschine vorhanden. Doch der Kaffeekonsum will natürlich auch finanziert werden. Am einfachsten für alle Beteiligten ist es wohl, wenn der Arbeitgeber seinen Mitarbeitern eine Flatrate auf Kaffee gewährt. Eine andere Möglichkeit bieten Pad- und Kapselmaschinen. Hier kann dann nicht nur jeder seinen individuellen Vorlieben in punkto Kaffeesorte frönen, sondern ist auch selbst für den Einkauf seines Kaffees verantwortlich.

Das Problem

Wird der Kaffee jedoch zentral eingekauft und die Kosten umgelegt, ist etwas organisatorischer Einsatz gefordert. Sofern man also keinen Münzautomaten installiert oder eine ganztägig verfügbaren Barista beschäftigt, funktioniert dies nach dem sog. Vertrauenssystem. Pro konsumierter Tasse wird ein bestimmter Betrag in eine Büchse geworfen oder ein Strich auf einer Strichliste gemacht und die Kaffeekosten am Ende des Monats einkassiert. Der kritische Faktor bei diesem System ist jedoch, der Name deutet es schon an, Vertrauen. Es funktioniert nur, wenn brav jeder seinen Beitrag in die Büchse wirft.

Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass gerade bei Pfennigsbeträgen (wir gehen mal von einem Tassenpreis von 15 ct aus), die Zahlungsmoral mancher Leute stark zu wünschen übrig lässt. Dies kann natürlich auch auf Vergesslichkeit zurückzuführen sein; das Resultat ist das selbe: Fehlbeträge in der Kasse, schlechte Stimmung, Zusammenbruch des Kaffeesystems und letztendlich weniger produktive Arbeit.

Die Lösung

Was kann man tun um seine Mitmenschen zu einer besseren Zahlungsmoral zu ermuntern ? Zur Beantwortung dieser Frage empfehle ich die Lektüre einer verhaltensbiologischen Arbeit der University of Newcastle upon Tyne (Cues of being watched enhance cooperation in a real-world setting: Bateson et al. Biol. Lett., 2006, 2, 412. doi:10.1098/rsbl.2006.0509). Im Rahmen einer im hauseigenen Kaffeezimmer durchgeführten Studie wurde der Nachweis erbracht, dass Menschen, die sich beobachtet Fühlen, dazu neigen, sich eher kooperativ und damit auch ehrlicher zu verhalten.

Hierfür wurde die direkt über dem Kaffee hängende Preistafel um ein Bild erweitert, dass in der einen Woche Augen und in der anderen Woche Blümchen abbildete. Resultat: In einer Woche mit einem Augen-Bild wurde 2.76-mal soviel bezahlt, wie in einer Woche, in der nur Blümchen zu sehen waren. Ergo: Augen-Woche gute Zahlungsmoral, Blümchen-Woche schlechte Zahlungsmoral.

Quelle: Bateson, Biol. Lett. 2006, 2, 412.
Quelle: Bateson, Biol. Lett. 2006, 2, 412.

Man beachte auch den Ausdruck der Augen: Modell intensives, fast schon psychopathisch anmutendes, Starren (Woche 1) ist effektiver als weiblicher, leicht lasziver Blick (z.B. Woche 7). Wir sehen also, auch wenn die Kaffeemaschine nicht von außen einsehbar ist und damit ein tatsächliches Beobachten des unzureichenden Bezahlvorgangs unmöglich ist, reicht das Photo von Augen aus, um ein unterbewusstes Gefühl des Beobachtetseins hervorzurufen !

Null Problem, oder: Auf die richtigen Worte kommt’s an

Wie so oft im Leben heißt es bei Öffentlichkeitsarbeit & PR ganz besonders: „Sag’s mit den richtigen Worten !“ Auf diesem Gebiet hat die Berufsgenossenschaft Rohstoffe & Chemische Industrie (BG RCI) wohl mit ihrem alljährlichen Werbekalender den Vogel abgeschossen. Ganz BG typisch, wirbt dieser Kalender für sicheres Arbeiten & Unfallverhütung. An sich ein lobenswertes Unterfangen. „Vision Zero. Null Unfälle – Gesund arbeiten !“ heißt der Wahlspruch. So weit, so gut, liebe BG RCI. Da bin ich voll auf Eurer Seite. Im Monat Mai ist dies sogar ganz annehmbar umgesetzt: Ein junger, dynamischer Chemiker späht, ganz Sicherheitskonform, durch seine Schutzbrille auf sein Experiment. Überschrift: „Ich steh auf Null… / …weil ich meine Augen noch brauche !“.

Bock auf Null

Doch im August… Hier wird zwar auch für Sicherheit geworben, zur Mitarbeitermotivation trägt das Kalenderblatt aber nicht bei. Ein in einen weißen Schutzanzug gewandeter Arbeiter starrt mißmutig über seine Staubmaske hinweg. Titel des Bildes: „Ich hab’ Bock auf Null.“ Ok, lassen wir das mal als saloppes Wortspiel durchgehen…

Wir schaffen null !

Im September wird sodann nachgelegt mit „Wir schaffen Null !“, was schließlich im Oktober mit „Null geschafft und stolz drauf!“ gipfelt. Kennt man nicht den Hintergrund, fragt sich der unbeteiligte Zuschauer, ob hier für Unfallprävention oder die Olympiade der Drückeberger geworben wird. Provoziert in jedem Fall gerne mal einen flapsigen Kommentar bei vorbeikommenden Kollegen.

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Vielleicht auch nicht gerade der passende Wandschmuck, wenn Geschäftspartner durchs Labor geführt werden. Aus diesem Grunde wurde bereits einmal ein Kalender von unserem Großchef aus dem Labor verbannt und eigenhändig gegen einen unverfänglichen ausgetauscht. Aus diesem Grunde haben wir den BG Kalender erst mal in die Umkleide verbannt. 🙂

(Quelle Bilder: Kalender 2016 by BG RCI)

Man spricht deutsch

Dass die Welt immer mehr zum Dorf wird, ist ja nichts Neues: Flugreisen & globaler Kommunikation via Internet sei Dank. Fremdsprachenkenntnis ist folglicherweise ein Muß geworden. Doch wie mir ein Facebook-Posting einer Freundin wieder in Erinnerung gerufen hat, kann auch manchmal die eigene Muttersprache zur Fremdsprache werden. Von bestimmten Spezialvokabeln, die sich zwischen Deutschland und Österreich unterscheiden, hat sicher jeder schon mal gehört: Schlagsahne vs Schlagobers zum Beispiel. Ein und das selbe Produkt hier, wie bei unseren Nachbarn im Süden. Gut, es gibt für Vieles Synonyme. Aber der Schlagobers1 ist mir in Deutschland bis jetzt noch nicht begegnet. Sozusagen regionalspezifische Synonyme.

flagge

Doch für solche Alternativ-Begriffe muss man ja noch nicht mal ins (deutschsprachige) Ausland. Unterschiedliche Bundesländer reichen aus. Ein gutes Beispiel ist jenes kleinformatige Gebäckstück, das viele frischgebacken zum Frühstück sehr zu schätzen wissen: das Brötchen oder Kleingebäck. Geht man jedoch z.B. nach Bayern (aber auch angeblich bestimmte Teile Sachsens) sind wir bei ‚Semmel‘. In Baden-Württemberg und Rheinhessen ißt man Wecken, in Hamburg greift man zum Rundstück, der Berliner lässt sich seine Schrippe schmecken und auf Hiddensee wird’s dann mit Bömmeln ganz exotisch. Für eine sehr ergiebige Abhandlung des Ganzen (unter besonderer Berücksichtigung Österreichs) empfehle ich die Lektüre des zugehörigen Wikipedia Artikels.
Ähnlich verhält es sich mit dem Fleisch-verarbeitenden Gewerbe: Metzger (Süd(west)deutschland, NRW, Westöstereich, Schweiz), Fleischer (Ostdeutschland), Schlachter (Norddeutschland), Fleischhauer (Ostöstereich).
Ganz besonders kompliziert wird es aber dann, wenn an beiden Orten die selben Begriffe existieren, aber unterschiedliche Dinge gemeint sein können. Als Beispiel soll uns wieder ein Gebäckstück dienen:

Schmalzgebackene Köstlichkeit... Der Berliner Pfannkuchen
Schmalzgebackene Köstlichkeit… Der Berliner Pfannkuchen

Wikipedia bevorzugt hier den Begriff Berliner Pfannkuchen. Abgekürzt auf Berliner ist dieser Begriff relativ verbreitet und sorgt erstmal noch nicht für Verwirrung. In Berlin und auch hier in Sachsen verzichtet man dann eher auf das Wort „Berliner“ und begnügt sich einfach mit Pfannkuchen. In meiner Heimat, dem Rheinland, jedoch bekommt man, wenn man Pfannkuchen verlangt, dies hier:

Eierkuchen (Photo by David Monniaux; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)
Eierkuchen (Photo by David Monniaux; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Jenen Teigfladen, der auch mitunter als Crépe2 Eierkuchen oder hier in Sachsen auch gerne mal als Plinse bezeichnet wird. In Österreich wiederum heißt der Berliner „Krapfen“. Im Rheinland wiederum sehen Krapfen so aus:

Krapfen, Kräppelchen & Co (Photo by Dr. Bernd Groß; Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)
Krapfen, Kräppelchen & Co (Photo by Dr. Bernd Groß; Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Die Sachsen sagen hierzu hingegen Kräppelchen, was in Rheinhessen als der Diminuitiv von Kräppel wäre, was die dortige Bezeichnung für Berliner ist. Womit wir den Kreis geschloßen hätten.
Insofern kann ich nur meiner Bekannten Lissy zustimmen, dass es spannend ist wie vielfältig und wandelbar Sprache sein kann: Ein Hoch auf die Vielfalt !

 

  1. Ach ja: Wenn man die Schlagsahne unter das Eis macht, wird aus Schlagobers dann ein Schlagunters ? 😉 ↩︎
  2. In Österreich auch Palatschinken (Plural von die Palatschinke).↩︎