Das Huhn und das Ei

Wer Ostern zu viele Eier sucht, hat Weihnachten die Bescherung!

Volksweisheit

Was war zuerst da – die Henne oder das Ei ? Diese bekannte Frage, die sich schon Philosophen und Denker in der Antike stellten, ist auch bekannt als das Henne-Ei-Problem. Es handelt sich dabei „um eine nicht zu beantwortende Frage nach dem ursprünglichen Auslöser einer Kausalkette, deren Ereignisse wechselseitig Ursache und Wirkung darstellen“1. Oder konkreter ausgedrückt: Jedes Huhn ist aus einem Ei geschlüpft und jedes Hühnerei wurde von einem Huhn gelegt. Ergo: Aus welchem Ei ist das erste Huhn geschlüpft, wenn niemand da war, der es hätte legen können ? Also ein klassischer Fall von Teufelskreis, Zwickmühle, Dilemma oder Catch-22. Ein gefundenes Fressen für jeden Philosophen und/oder Logiker. Schon der antike Philosoph Aristoteles soll sich darüber Gedanken gemacht haben:

Aus François Fénelon: "Lives of the ancient philosophers." London 1825
Aus François Fénelon: „Lives of the ancient philosophers.“ London 1825

Lassen wir aber erst mal die Philosophen beiseite und nähern uns dem Problem von Seiten der Naturwissenschaft.

Und der Naturwissenschaftler – genauer gesagt der Evolutionsbiologe – sagt: Das Ei ! Betrachtet man den Sachverhalt genauer, dann kommt man zu der Erkenntnis, dass es kein erstes Huhn oder erstes Ei gegeben haben kann. Hühner entwickelten sich im Laufe der Zeit durch viele kleine Entwicklungsschritte aus einem evolutionären Vorfahren. Ab wann man also in dieser Ahnenkette von einem Huhn sprechen kann, ist ein Stückweit beliebig und Definitionssache. Zu irgendeinem Zeitpunkt hat also ein Vorläufer – ein Proto-Huhn wenn man so will – ein befruchtetes Ei gelegt, welches die DNA des fertigen Huhns enthielt. Oder wie es Wissenschaftsjournalist Neil deGrasse Tyson ausgedrückt hat: „Was kam zuerst: Das Ei oder das Huhn ? Das Ei – gelegt von einem Vogel, der kein Huhn war.“2

Natürlich kann man das Problem immer weiter spinnen… Die Vorfahren aller Wirbeltiere lebten im Wasser und schlüpften aus Eiern – oder anders gesagt aus Laich. Ergo: Was war zuerst da: Der Fisch oder der Laich ?

Letztendlich kommen wir zur Frage nach der Entstehung allen Lebens – einer Art präbiotischem Henne-Ei-Problem. Alles Leben beruht auf Proteinen. Diese sind nicht nur das bloße Grundgerüst eines Lebewesens, sondern dienen auch als Katalysatoren (Enzyme), um das Netzwerk an chemischen Reaktionen, das den Vorgang „Leben“ ausmacht, zu ermöglichen und in geregelte Bahnen zu lenken. Denn keine chemische Reaktion in einer Zelle kommt ohne einen Katalysator aus, einem Molekül das selbst an der Reaktion teil nimmt, daraus aber unverändert wieder hervor geht und durch sein Wirken die energetische Barriere, die vor dem Ablaufen der Reaktion überwunden werden muss, herabsetzt.3

So Bedarf es auch Enzymen als Biokatalysator, um RNA und DNA zu synthetisieren, die ihrerseits eine tragende Rolle bei der Synthese von Proteinen (und damit Enzymen) spielen. Die DNA speichert z.B. den Bauplan anhand dessen alle Proteine gebaut werden und die RNA wirkt direkt an der Steuerung der Proteinbiosynthese mit. Welcher dieser beiden Typen von Molekülen ist also zuerst entstanden ? Ohne den Einen, gibt es den Anderen nicht ! Ein Henne-Ei-Problem auf molekularer Ebene !

Quelle: Nobel Foundation, nobelprize.org
Quelle: Nobel Foundation, nobelprize.org

Des Rätsels Lösung fanden die amerikanischen Chemiker Cech und Altman, die entdeckten, dass RNA-Moleküle als Katalysatoren für die Synthese anderer RNA-Moleküle dienen können. Die Natur hat das Problem also sehr elegant gelöst, RNA ist also Henne und Ei in Einem ! Natürlich ist das Ganze noch ein wenig komplexer, aber das generelle Prinzip bleibt bestehen. Eine Erkenntnis, die den beiden Herren den Nobelpreis in Chemie des Jahres 1989 einbrachte. Allerdings nicht für die Lösung des Henne-Ei-Problems, sondern „für die Entdeckung von katalytischen Eigenschaften der RNA“. Wer das ganze genau nachlesen möchte kann dies auf den Seiten des Nobelpreis-Komitees nachlesen.

Einfach hat es der Kreationist, dem sich dieses Problem gar nicht erst stellt: Gott schuf Henne und Hahn. Der Hahn begattet die Henne, die Henne legt das Ei. Voilà ! Das Huhn war zuerst da ! Denn schon in der Bibel steht:

„Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.“

— Genesis, 1:22.

Wir sehen, von Vögeln ist die Rede, was auch die Hühner mit einschließt. Von Eiern finden wir kein Wort.

Beim Schokoladenei ist die Herkunftsfrage gewiss einfacher zu lösen, die kommen vom Chocolatier. Lassen wir uns also ein Schokoei schmecken, lassen das sinnieren über Dilemmas sein und genießen stattdessen das sonnige Wetter. In diesem Sinne allen Lesern ein frohes Osterfest !


  1. Quelle: Wikipedia – Henne-Ei-Problem
  2. https://twitter.com/neiltyson/status/296100559423954944
  3. Oder in etwas bildhafterer Sprache: Wenn sie zu träge sind, um die Energie aufzubringen sich von Sofa zu erheben und das Bad zu putzen, kann ihr Partner oder Mitbewohner als Katalysator fungieren und sie auf die eine oder andere Art motivieren, dann doch zu reagieren.

Der teuerste Stoff der Welt

Wenn ich morgens aufstehe und mich fertig mache, um das Haus in Richtung Arbeit zu verlassen, schalte ich den Fernseher an, um kurz mal in die Nachrichten zu gucken, was sich so alles ereignet hat. Top-Meldung neulich: Ein Amerikaner hat den größten Lotto-Gewinn aller Zeiten abgestaubt. Sagenhafte 877 Millionen US-$. Da kommt man einen Augenblick ins träumen, was man wohl selbst mit so einem Betrag anstellen würde. Hemmungslos verprassen ist sicher genauso unklug, wie das Geld einfach auf einem Konto zu parken. Zugucken wie der Reichtum ungenutzt von Inflation und Strafzinsen dahin schmilzt macht auch keinen Spaß.

Daher hört man immer wieder: Man lege das Geld doch in krisensicherem Edelmetall, wie Gold und Silber an, welches sich der vorsichtige Mensch „krisensicher“ unter die Matratze oder in den Keller legt. 21211 kg könnte man nach aktuellem Goldpreis (41.345,86 US$ pro kg) davon kaufen. Das entspricht einem soliden Würfel von etwas mehr als 1 Meter (1.1 m3) Kantenlänge. Also: Eine recht unhandliche Angelegenheit. Auch ein Umtausch in die berühmte Goldmünze Big Maple Leaf, macht die Sache nur geringfügig besser. Immerhin 212 dieser 100 kg schweren Münzen bräuchte man.

Nein, keine gute Idee, insbesonders dann nicht, wenn man eine Karriere als Diktator anstrebt und sich die Option offen halten möchte, sich mit seinem Reichtum schnell ins Ausland absetzen zu können.

Was für teure Materialien gibt es also noch ? Hier hilft ein Blick auf die Liste, die der Finanznachrichtendienst Business Insider mal aufgestellt hat und jetzt in mehr oder minder abgewandelter Form durch das Internet geistert.

Neben Geld & Gold, was verbindet man noch mit Millionären ? Richtig, unter Anderem dekadent teuere Lebensmittel. Auf der Suche nach dem ultimativen Genuß scheut der finanziell potente Gourmet keine Mühen. Problematisch: Nicht immer ist lässt sich leicht ersehen, ob ein Luxuslebensmittel durch schiere Seltenheit und Exklusivität, überragende Handwerkskunst oder aber geschickte Vermarktung zu seinem hohen Preis gelangt ist.

Weiße Trüffel (9 – 15 € je Gram)
Trüffel sind die Königsklasse unter den Speisepilzen. Für die langfristige Wertanlage wie andere Lebensmittel sicher nicht geeignet, erzielen die kostbaren, unterirdisch wachsenden Schlauchpilze je nach saisonalem Vorkommen und Nachfrage bis zu 9000 – 15000 € je kg auf Auktionen. 2007 wurde auf der sehr prestigeträchtigen Trüffelauktion in Alba sogar 143.000 € für eine 750 g schwere weiße Trüffel geboten.

Vayssie Robert Robert Vayssié [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Kostbar sind die Pilze nicht nur wegen ihrem erlesenen Geschmack, sondern auch, weil man sie nicht wie z.B. Champions einfach im Keller züchten kann. Zusätzlich sind sie auch nicht mit dem bloßen Auge sichtbar, sondern erfordern den Einsatz spezieller „Detektoren“. Jeder hat schonmal vom Trüffelschwein gehört, doch wird dieses abgerichtete Borstenvieh heute nicht mehr eingesetzt. Zum Einen, um Schäden am Wurzelwerk im Boden zu vermeiden und zum Anderen, weil die Schweinchen die Trüffel nur zu gerne selber futtern. Stattdessen verlässt man sich auf Trüffelhunde, in Russland auf Trüffelbären oder auf Sardinien auf Trüffelziegen.

So groß ist der Wert dieser Delikatesse, dass es bereits Fälschungen gibt. Man nimmt z.B. die gastronomisch wertlose Chinesische Trüffel, die der gefragten schwarzen Perigord-Trüffel ähnelt und die Eigenschaft besitzt leicht Fremdaromen anzunehmen. Ideal also, um sie unter die echten Trüffel zu mischen und so seinen Vorrat an teuer zu verkaufenden Edelpilz etwas zu strecken.

Safran (8 – 18 € je Gram)
Safran (aus dem Arabischen zaʿfarān, „das Gelbe“) ist eines der exklusivsten Gewürze überhaupt, schon in der Antike. Gewonnen werden Safranfäden aus den Narben der Blüten einer bestimmten Mutante der Krokus-Art Crocus sativus. Der hohe Preis erklärt sich unter anderem dadurch, dass für die Gewinnung 1 kg Safran etwa 150.000 – 200.000 Blüten geerntet werden müssen. Dies erfolgt ausschließlich per Handarbeit, ein Pflücker schafft am Tag etwa 60 bis 80 g.

Nicht nur wegen seines würzigen Aromas wird der Safran geschätzt. Er verleiht Lebensmitteln auch eine wunderschöne gelb-orange Farbe. Laut dem bekannten Backe, Backe, Kuchen Lied gehört der Safran zu den 7 Sachen die in einen guten Kuchen gehören: „Safran macht den Kuchen gel[b]“

Aber auch medizinisch lässt sich dieses vielseitige Gewürz verwenden: So gibt es Studien, die zeigen, dass Safran bei leichten bis mittelschweren Depressionen stimmungsaufhellend wirkt. Schon im Frankreich sagte man „Le fol n’a que faire de saffren“ (Der Narr braucht keinen Safran), womit ein ausgelassenes, heiteres Verhalten beschrieben wurde, wie es nach dem Konsum großer Mengen Safran auftreten solle.

Und auch wie beim Trüffel, wird hier gefälscht was das Zeug hält. So kriegt der gastronomisch Unerfahrene gerne mal eine Kurkumamischung untergejubelt. Daher folgender Gewürzhändler Trick: Gibt man etwas Natronlauge zu einer Safranprobe, bleibt diese Gelb, wenn es echter Safran ist. Kurkuma wird dagegen verfärbt sich rot.

Kaviar (bis zu 66 € je Gram)
Pilze, Pflanzen… Fehlt noch ein tierisches Luxusprodukt: Kaviar, der Rogen bestimmter Störarten, allen voran des Beluga-Störs (Huso huso). Nicht nur die Art des Eier-liefernden Störes ist ausschlaggebend für die Qualität und letztendlich auch den Preis, sondern auch das Alter des Fisches, wobei ein hohes Alter für bessere Qualität steht. Der exklusivste Kaviar ist wohl der Rogen von Albinostören. Nur 12 kg von dieser kostbaren Waren werden pro Jahr gewonnen und erzielen Höchstpreise, vorausgesetzt man bekommt sie überhaupt. Bedauerlicherweise musste der Eierlieferant bei der Ernte des Kaviars dran glauben, denn anders ließ sich der Rogen kaum unbeschadet ernten. Erst seit 2014 gibt es ein vom deutschen Alfred-Wegener-Institut entwickeltes Verfahren, was die Kaviarernte ohne Schlachtung des Störs erlaubt.

Obwohl man Kaviar ja oft mit den Russen in Verbindung bringt, waren es die Iraner an der Küste des Kaspischen Meeres, die den Kaviar entdeckten. Die Khediven der Antike hatten eine besondere Vorliebe zu Stör-Eiern, da sie ihre große Körperkraft auf den hohen Verzehr dieser Delikatesse zurück führten. Demnach bezeichnete man die Stör-Eier als Cahv-Jar („Kuchen der Freude“ oder „Kuchen der Stärke“). Im Mittelalter entdeckten dann auch die europäischen Könige ihren Geschmack am Stör-Rogen: 1324 erklärte der englische Monarch Edward II. den Stör zum „königlichen Fisch“. Der Verzehr war nur angehörigen des Hofes gestattet. Selbst heute ist noch jeder Stör der im Vereinigten Königreich gefangen wird Besitz des Monarchen.

Aber auch in lupenreinen Demokratien hat sich dieser Nimbus erhalten, da sich nur der Geldadel den regelmäßigen Verzehr des teuersten aller Lebensmittel leisten kann.

Gold (36,94 € je Gramm, Stand 7.4.2019)
Der Klassiker. Prominentester und kostbarster Vertreter der Münzmetalle. Kostbar da selten. Gucken wir uns das Vorkommen der chemischen Elemente in der Erdkruste an, dann schafft es Gold gerade mal auf Platz 72. Mehr Infos zu diesem ausgesprochen schönen Metall gibt es übrigens hier. Oder aber wer mehr auf Goldmünzen schwört kann auch mal hier gucken

Rhodium (62,28 € je Gramm, Stand 7.4.2019)
Rhodium hat vielleicht noch nicht jeder gehört, aber hatte sicher schon einmal damit zu tun. Insbesonders all diejenigen, die gerne Silber- oder Weißgoldschmuck tragen, der gerne rhodiniert, d.h. mit einer dünnen Schicht Rhodium überzogen wird, um seinen silbrigen Glanz zu erhalten. Wer keinen Schmuck trägt, dafür aber Auto fährt: Rhodium wird in Abgaskatalysatoren verwendet, um dort die Stickoxid Emissionen zu reduzieren. Überhaupt ist Rhodium ein beliebter Katalysator in der chemischen Industrie.
Da gerade die Industrie eine stetig steigenden Bedarf an Rhodium hat, haben auch Anleger Interesse an dem Metall gewonnen. Im Unterschied zu Gold jedoch, welches gerne in Barren gehandelt wird, legt sich der Anlageprofi Rhodium lieber als Pulver oder Rhodium-Schwamm in den Tresor. Denn: Rhodium-Barren lassen sich erst nach umständlicher Aufbereitung wieder industriellen Prozessen zuführen, während Pulver quasi sofort gebrauchsfertig ist.
In puncto Dichte ist Rhodium zwar leichter als Gold (12.38 g/cm3 vs 19.32 g/cm3), aber immer noch recht unpraktisch für den Transport.

Platin (25,79 € je Gramm, Stand 7.4.2019)
Da gucken sie… Im Vergleich zu Gold, wider der Erwartung, schon wieder relativ preisgünstig. Dabei wird Platin im Sprachgebrauch immer als weitere Eskalationsstufe zum Gold genannt. Goldene Kreditkarte ? Kinderkram im Vergleich zur Platinum Card.

Der gute Ruf des Platins ist aber eine relativ neue Sache. Da Platin eine relativ ähnliche Dichte wie Gold hat, galt es in der Vergangenheit als unlautere Methode Gold zu verfälschen und für den Missetäter gewinnbringend zu strecken. Auch ein Versuch der russischen Zaren Platin als Münzmetall zu etablieren, stieß auf wenig Gegenliebe seitens der Bevölkerung. Erst mit aufkommen potentieller technischer Anwendungen gewann Platin an Ansehen und Wert.

Dennoch, da die internationale Platinnachfrage schwankt und die Platingewinnung zu großen Teilen in Südafrikanischer Hand liegt und demnach den dortigen Befindlichkeiten unterworfen ist, handelt es sich bei Platin eher um ein volatiles, d.h. schwer berechenbares Anlagegut.

Nashorn-Hörner (bis zu 45 € je Gramm)

Nun ja, vielleicht ein kostbares Material, aber gleichzeitig moralisch verwerflich, wenn man Handel damit treibt, da Nashörner auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten steht. Was stellt man aber mit so einem Horn an ? In Jemen schnitzt man z.B. daraus den Griff der luxuriöse Variante des traditionellen Jambia Dolchs, die als besonderes Status-Symbol gilt. Anderswo, z.B. in Asien gilt das Horn in pulverisierter Form als Heilmittel z.B. gegen Fieber und Schmerzen. Wissenschaftlichen Studien zum Trotz, die gegen eine Wirksamkeit des Horns sprechen, floriert der Schwarzmarkt, da es immer wieder Berichte von Wunderheilungen gibt.

Heroin (44 € je Gramm

Methamphetamin (77 €/g)

Kokain(70-80 €/g)

LSD (54000 €/g)

Wikipedia, Psychonaught [Public domain]

Ist ein Material weder selten, noch von handwerklich besonders hohem Wert, kann es auch teuer sein, weil es illegal ist. Dies trifft auch auf die drei Kandidaten Heroin, Methamphetamin (Crystal, Meth) und Kokain zu. Während Heroin heute als Inbegriff der illegalen harten Droge gilt und bereits für viel Tod und Elend gesorgt hat, war dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht der Fall, als es vom Pharmaunternehmen Bayer als sicheres Fieber- und Schmerzmittel auf den Markt gebracht wurde (Heroin -> heroisch -> heldenhaft).

Beim Methamphetamin war es ähnlich: In den 30er Jahren zunächst als rezeptfreier Muntermacher unter dem Namen Pervitin in Deutschland erhältlich und später als Wunderdroge, um den Soldaten der Wehrmacht einen pharmazeutisch induzierten Durchhaltewillen einzutrichtern.. Heute hingegen beides Drogen, denen ein nicht gerade glorreicher Ruf vorauseilt. Man hat eher das Bild des maroden Junkies vor Augen. Mit dem Kokain ist es da etwas Anderes. Ihm haftet zwar auch ein negatives, aber auch leicht glamouröses, dekadentes Image an. Die Droge für Börsenmakler und Anhänger der Schickeria.
Was bedeutet das nun für unsere Preisbetrachtungen ? Schwierig einzuschätzen, da der Schwarzmarkt seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt und Preise lokal sehr unterschiedlich sind. Während man in Australien z.B. umgerechnet rund 265 € je Gram Kokain bezahlt, sind es in Kolumbien, einem Herstellerland, nur 3 € je Gramm. Deutschland liegt mit 70-80 €/g im Mittelfeld. Wer es aus legalen Quellen bezieht, bezahlt sogar unter Umständen noch mehr: Der freundliche Chemikalienhändler Aldrich verlangt 401 €/g. Dann aber auch in zertifizierter Reinheit.
Beim LSD wird es wiederum interessant: Da dieses Psychedelikum bereits im Submilligrammbereich seine Wirksamkeit entfaltet, kommt es kaum als Reinsubstanz auf den Schwarzmarkt, sondern in Kleinstmengen auf Trägersubstanzen, z.B. aufgesogen in Löschpapier (daher auch der Name Pappe). Laut der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht kostete eine solche Konsumeinheit LSD in 2018 im Durchschnitt 9,5 €. Bei einem angenommenen Wirkstoffgehalt von 200 µg kommt man auf den astronomischen Grammpreis von 47500 € je Gramm. Der freundliche Chemikalienhändler, eine entsprechende staatliche Erlaubnis vorausgesetzt, verlangt nur 121 € / mg, also 121.000 € je Gramm !

Plutonium
Kommen wir von den Drogen zu einem anderen Material, welches man als Privatperson nicht so ohne Weiteres besitzen darf, aber auch vermutlich gar nicht besitzen will: Plutonium. Und das bringt für unsere Preisbetrachtungen schon ein erhebliches Problem mit sich: Für alles was derartig stark reglementiert ist wie Kernbrennstoffe (zu denen Plutonium) gehört, ist es schwer einen Preis zu ermitteln, da es keinen wirklichen Markt dafür gibt.

ShinRyu Forgers [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Natürlich würde sich für Plutonium schon ein Abnehmer finden, der gutes Geld dafür zahlen würde, wie z.B. Terroristen oder Diktatoren. Aber die teilen dieses Wissen eben so wenig mit mir, wie die meisten legalen Verwender von Plutonium. Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als den fragwürdigen Preis aus diversen Internetartikeln zu zitieren. Wer aber keine Lust hat auf dem internationalen Schwarzmarkt nach Plutonium zu fahnden und lieber etwas weniger Gefährliches für Zuhause haben möchte, der kann auch zu Protein-Shakes mit reißerischem Namen wie Plutonium 2.0 greifen…

Taaffeit, Painit, Diamanten
Hier wird es schon erheblich interessanter, wenn man sich mit seinem Reichtum diskret ins Ausland absetzen will. Kostbare Edelsteine. Edelsteine sind Schmucksteine, die
a) selten,
b) eine Mohs-Härte > 7 besitzen und zugleich
c) transparent sind
Der bekannteste und begehrteste ist der Diamant, was etwas komisch anmuten mag, wenn man sich vor Augen führt, dass es sich dabei um nichts anderes als Kohlenstoff handelt, also sehr eng verwandt mit Kohle und Graphit ist. Während im Graphit die Kohlenstoffatome in wabenförmigen Lagen angeordnet sind, sitzt der Kohlenstoff im Diamanten auf den Ecken eine Tetraeders. Der Fachmann spricht hier von Modifikationen. Und während Graphit nicht gerade selten vorkommt, ist die Modifikation Diamant im Vergleich zu Kohle selten. Diamant ist zwar aufgrund seiner großen Härte auch ein interessanter Werkstoff, seinen fabulösen Wert gewinnt er aber erst durch seinen Einsatz als Schmuckstein. Hierbei sind die vier Cs entscheidend für den Wert: Carat (Gewicht), Color (Farbe), Clarity (Klarheit) und Cut (Schliff). Kurz gefasst: Große, weiße Diamanten ohne Einschlüsse und einem perfekt funkelnden Schliff sind die wertvollsten. So konnte ich bei einem Händler für Anlagediamanten einen Preis von 17.362,47 € je Karat (86812 €/g) finden. Und Anleger gelten schon als eher nüchterne Zeitgenossen.

Diamanten können aber etwas hochemotionales sein, nicht nur z.B. Symbol für ewige Liebe. So kommt es durchaus vor, dass besonders außergewöhnliche Diamanten auch viel höhere Preise auf Auktionen erzielen können, z.B. der rosafarbene Diamant Pink Legacy, der 2018 im Auktionshaus Christie’s für 39.1 Mio. € den Besitzer wechselte. Das sind 2.6 Mio. € je Karat (13 Mio. € / g) !

Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Doch was sind Painit und Taafeit ? Diese beiden Edelsteine sind weitaus weniger bekannt als der Diamant. Was zum einen damit zu tun hat, dass sie erst in jüngerer Zeit durch Zufall entdeckt wurden: Der Taafeit z.B. wurde erst 1945 entdeckt, als bei einem Stein, der ursprünglich für einen geschliffen Spinell gehalten wurde, die untypische Eigenschaft der Doppelbrechung festgestellt wurde. Der Edelsteinkundler Richard Taaffe hatte eine größere Menge geschliffener Edelsteine von einem Juwelier in Dublin erworben, der diese Steine aus altem Schmuck recycelt hatte. Diese extrem seltene Sorte Stein wurde fortan nach ihrem Entdecker Taaffeit getauft. So selten, dass bis 1983 nur 50 Taaffeite bekannt waren. Es ist also verständlich, dass dies kein Schmuckstein ist, sondern eher etwas für Sammler. Diverse Seiten im Internet geben einen Preis von 2225€ je Karat (11125 € je Gramm).

Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Mit dem Painit, einem orange-roten Stein, ist es ähnlich, wenn auch hier die Entdeckung hier nicht so kurios wie beim Taaffeit ablief. Obwohl der erste Painit auch in den 50er Jahren entdeckt wurde, waren bis 2001 gerade mal 3 Exemplare mit einem Gesamtgewicht von 3,5 Gramm bekannt. Mittlerweile weiß man von Lagerstätten, die sehr ergiebig Painite (bis zu einem Einzelgewicht von bis zu 500 g) zu Tage fördern. Die meisten davon sind allerdings von anderen Mineralien durchwachsen oder eignen sich nicht zu Schmucksteinen geschliffen zu werden. Daher sind geschliffene Painite immer noch eine Rarität. 44.500 € je Karat bzw. 222500 € / Gramm erscheinen aber trotzdem etwas hoch gegriffen.

Ergo, überall wo Emotionen involviert sind und Sammler den Marktpreis mitbestimmen, ist es schwer realistische Preise festzusetzen. Dementsprechend könnte man noch eine ganze Reihe anderer Glitzersteine in die Betrachtung einbeziehen, für die Liebhaber Höchstpreise bezahlen würden. Vielleicht ein Andermal.

Tritium (26700 €/g)
Wo der Diamant die Spezialform des Kohlenstoffs ist, ist Tritium eine besondere Form des Wasserstoffs. Hier ist es jedoch keine strukturelle Modifikation, sondern ein Isotop ! Während das gewöhnliche Wasserstoffatom (99.98 %) aus einem Proton und einem Elektron besteht, gesellen sich beim Deuterium (schwerer Wasserstoff, 0.02 %) ein zusätzliches Neutron und im titelgebenden Tritium (überschwerer Wasserstoff, < 0.0000000001 %) zwei zusätzliche Neutronen zum Proton in den Atomkern.

Dirk Hünniger;Derivative work in english – Balajijagadesh [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Tritium ist in der freien Natur so selten, weil es radioaktiv ist und unter Abgabe von Beta-Strahlung langsam zu Helium zerfällt. Wir können uns also vorstellen, dass es mit entsprechenden Mühen verbunden ist, wenn man sich Tritium verschaffen will. Da es spontan zerfällt, aber auch konstant in der Natur neu gebildet wird, kann man ausrechnen, dass das gesamte Inventar an natürlichem Tritium etwa 3.5 kg beträgt. Eine Gewinnung durch Anreicherung ist also nicht zielführend, um sich das Isotop zu beschaffen. Glücklicherweise ist es aber ein Nebenprodukt in Kernreaktoren, wo es wenn auch aufwendig zur weiteren Verwertung abgetrennt werden kann. Und der technische Bedarf ist glücklicherweise gering, z.B. als radioaktiver Marker in Biologie, Chemie und Medizin. Etwas alltagstauglicher findet man Tritium in kalten Lichtquellen, also schwach selbstleuchtenden Lichtquellen, die ohne Batterien auskommen. Tritium wird dazu in ein Glasröhrchen gepackt, dass mit einem Leuchtstoff beschichtet ist, welcher von der Beta-Strahlung zum leuchten gebracht wird. Aufgrund der geringen Energie der Beta-Strahlung kann diese das dicke Glas der Ampulle aber nicht durchdringen, weshalb die Gefahr, die von solchen Lichtquellen ausgeht (auch wegen des geringen Tritiumgehalts) relativ gering ist. Ähnlich wie beim Plutonium ist es schwer für Tritium einen Preis zu ermitteln. Einmal abgesehen davon, dass man nirgendwo einen Katalogpreis findet, wird die Sache dadurch erschwert, dass das Gas kaum in Reinform erhalten wird, da es fortwährend zerfällt. Deswegen kauft man weniger nach Gewicht oder Volumen, sondern nach Aktivität. Nimmt man aber eine theoretische Überlegung des Los Alamos National Laboratory in den USA zum Thema der Betriebskosten eines Fusionsreaktors zur Stromerzeugung findet man einen Preis von umgerechnet 26700 €/g.

Antimaterie

Der krönende Abschluss aller Rankings der teuersten Substanzen der Welt ist immer Antimaterie. Hierüber eine Preisabschätzung treffen zu wollen ist Wahnwitz. Antimaterie existiert zwar, konnte aber immer nur in Form einiger weniger Atome in einem riesigen Teilchenbeschleuniger gewonnen werden, die auch nur für Bruchteile von Sekunden existierten, bevor diese wieder in einem Energieblitz zerstrahlten. Mal abgesehen von der Problematik so etwas in technisch nutzbaren Mengen herzustellen, existiert zur Zeit auch nur recht vage hypothetische Vorüberlegungen, was man mit der Antimaterie eigentlich machen könnte. Ergo: Nicht die Mühe wert, sich Gedanken über den Preis zu machen, sofern man nicht über eine Diskussion über die Kosten von Grundlagenforschung einsteigen möchte.

Da liegt was in der Luft…

Man denke sich folgendes Szenario: Man steht auf einer Party, in der Hand das Kaltgetränk der jeweiligen Wahl, und bemüht sich um eine gepflegte Konversation mit den übrigen Anwesenden… Nicht ungewöhnlich ist dabei die Frage, was der- oder diejenige denn beruflich macht. Antwortet man dann mit “Chemie !” und laufen die Zuhörer nicht sofort weg (“Oh, so spät schon ? Ich komme zu spät zu meiner Zahnwurzelbehandlung…”), hört man oft die Frage: “Na, wann ist denn bei Euch das letzte Mal was explodiert ?”. Aber auch unter Leuten vom Fach sind Gespräche der Marke “Als-mir-die-Reaktion-durchging-und-ich-mein-Produkt-von-der-Decke-kratzen-musste” ein beliebtes Thema. Eben das Jägerlatein des Chemikers. Gottseidank, sind solche Vorfälle doch eher selten, aber im Laufe des Studiums sammelt sich doch ein kleines Repertoire an Geschichten an. Nicht unbedingt aus erster Hand und manche nur vom Hören-Sagen, aber immerhin, geht nix über ne gute Geschichte…

Als ich und meine Kollegen im ersten Semester unsere ersten Versuche im Anfängerpraktikum machen durften, hatte man uns eindringlich vor dem berüchtigten Arsenwasserstoff gewarnt, einem giftigen Gas, dem man bei nicht sachgemäßem Umgang mit arsenhaltigen Substanzen ausgesetzt werden kann. Warnsignal: der knoblauchartige Geruch. Ich erinnere mich in dem Zusammenhang an die Aussage: “Wenn sie aus der Abfalltonne Knoblauch riechen, dann ist es so gut wie um sie geschehen !”

Nun gemahnt diese Warnung nicht nur zur Vorsicht, sondern führt auch zu einem Phänomen, dass ich mal als Phantom-Knoblauchgeruch bezeichnen möchte. So trägt der Praktikant mit zittriger Hand seinen Arsenabfall zum Entsorgungsabzug und findet dort nun ein aufgeblähtes Abfallgefäß vor. Ein rasch hinzugeholter Kollege bestätigt, dass da mit der Abfalltonne etwas faul ist und so dauert es dann nicht lang bis man sich einig ist, dass es schwach, aber dennoch deutlich nach Knoblauch riecht… So in etwa ist’s vermutlich passiert. Besagte “Nasen-Zeugen” wurden sogleich von der Praktikumsleitung ins Krankenhaus verbracht, wo diese dann erst mal eine Nacht zur Beobachtung dabehalten wurden.

Achtung, Knoblauch !

Das Praktikum: Vorübergehend geschlossen, da der Abfallraum wegen Gasalarm nicht mehr begehbar ist, alle Arsenversuche: bis auf Weiteres gestrichen. Um den Sachverhalt zu klären, sollte sodann ein Gasspürröhrchen beschafft werden. Lieferdauer: 4 Tage, die Herstellerfirma hatte einen Wasserschaden in der Logistikabteilung. Nun, 4 Tage später, betritt der Praktikumsleiter höchstselbst den Raum in voller Schutzmontur um mithilfe der mittlerweile eingetroffenen Messvorrichtung festzustellen: AsH3 negativ. Die Kollegen erfreuten sich auch bester Gesundheit.

Ein ähnlicher Fall: Selenwasserstoff… Auch nicht gerade das was man gerne einatmen möchte. Nun gab es im Fortgeschrittenen Praktikum in der Anorganischen Chemie die Allseits beliebten Versuche zum chemischen Transport. Immerhin war die Uni Münster in den 50er Jahren ein Mekka für dieses Verfahren. Genau entsinne ich mich nicht mehr, aber einer dieser Versuche beinhaltete das Einschmelzen eines Zinksalzes zusammen mit Selen und Iod in eine Quarzglasampulle, welche sodann zur Synthese von Zinkselenid in einen Röhrenofen gepackt wurde. Von ausgesprochener Wichtigkeit ist hierbei die minutiöse Berechnung der Iodmenge und die peinlichst akkurat auszuführende Einwaage der Reaktionspartner, weil sonst das ganze Brimborium gern mal wegen Überdruck platzt und so Selendämpfe freisetzen kann. Tja und genau das ist im Festkörper-Labor wohl ein paarmal passiert. Das eine Mal saß wohl nach einem solchen Vorfall ein Kollege, der direkt neben dem Ofen stand, als die Ampulle platzte, hinterher im Praktikumssaal ziemlich bleich auf der Laborbank und erkundigte sich bei jedem der vorrüber kam danach, wie wohl Selenwasserstoff riecht, es hätte so komisch gerochen im Festkörperlabor… Und wie lange denn die Latenzzeit einer solchen Vergiftung sei… irgendwie fühle er sich schon ganz komisch… Passiert ist aber – mit Ausnahme der Glasampullen – niemand etwas.

 

World of Chemcraft

Wenn man heutzutage den zahlreichen Werbebotschaften folgt, so sind Worte wie Bio, „natürlich“ und “frei von chemischen Zusätzen” die magischen Schlagworte, die man überall lesen kann. Chemie ist demnach  widernatürlich, “Synthetisch” und “Atom-“ pure Abschreckung.

Wer würde schon gern ein Getränk zu sich nehmen, das ein organisches Lösungsmittel enthält, welches auch als Desinfektionsmittel und Treibstoff verwendet werden kann ? Ein Stoff der betäubend wirkt, das Krebsrisiko erhöht, Schädigend auf die Leber wirkt, Mangelerscheinungen auslöst und zudem auch noch ein Nervengift ist ? Und doch tun dies zahlreiche Leute regelmäßig, in dem sie alkoholische Getränke konsumieren. Einen edlen Wein zum Beispiel, der total natürlich von biologisch nachhaltigen Hefezellen aus Traubensaft erzeugt wurde.

Quelle [1]

Kurzum, wie meine Großmutter schon sagte: “Dat kütt, alles von de Atom !” Wirft man jedoch einen Blick über den großen Teich nach Amerika, so stellt man fest, dass man dort, zumindest in vergangenen Zeiten, der Chemie und der Wissenschaft, sprich dem “Atom”, wesendlich aufgeschlossener gegenüber war:

(aus: Popular Science Dezember 1947)

Tja, während so mancher die Atomenergie zum Teufel wünscht, wird auf dieser Reklameanzeige die fantastische, geheimnisvolle und atemberaubende (awesome, mysterious, breath-taking) Kraft der Atomenergie gepriesen: Sicher, aber aufregend ! Ein Schmankerl, dass dem heutigen angehenden Chemikus verwehrt bleibt. Nun, da man das Zeug heute offenbar nicht mehr kaufen kann, kann man es vielleicht ja selber aus dem Erdreich gewinnen ? Schließlich wurde das Uran aus dem Chemiekasten ja auch irgendwo ausgegraben.

(aus: Popular Mechanics Juni 1950)

Für nur einen lumpigen Dollar gibt es den Bauplan für einen Uran-Finder (im Volksmund auch Geigerzähler genannt). Eine lohnenswerte Investition, zumindest in der Vergangenheit: 35.000 $ (in heutiger Währung satte 330000 $) vom Staat sind schon verlockend.

(aus: Popular Mechanics September 1955)

Wirkt heutzutage etwas befremdlich, aber damals, wo Atomenergie (vor allem beim Bombenbau) schwer in Mode war, herrschte in den USA ein wahres Uranfieber, ähnlich dem bekannten Goldrausch. Wer im Uranium Fever auch heutzutage mitfiebern möchte, kann sich ja mal den gleichnamigen Song von Elton Britt anhören:

 Uranium fever has done and got me down
Uranium fever is spreadin‘ all around
With a Geiger counter in my hand
I’m a-goin‘ out to stake me some government land
Uranium fever has done and got me down
(Uranium Fever – Refrain)

Das hat schon was von Schatzsuche, so etwas. Aber es soll ja auch Leute geben, die Suchen kein Uran, die haben es schon. So hatte einer meiner Labornachbarn an der Uni bei einer Gelegenheit mal folgende Schätzchen aus den geheimnisvollen Tiefen eines Chemikalienschranks zu Tage gefördert: Uranylnitrat und Uranylacetat (Nein, das Zeug taugt nicht, um daraus eine Bombe zu bauen, da es sich hier um abgereichertes Uran handelt. Ferner erübrigt sich auch eine dicke Bleiabschirmung, da die α-Strahlung nicht durch das Glas der Flasche kommt)

Nicht desto trotz ein ziemlich giftiges Zeug und Radioaktivität halte ich mir, auch wenn sie schwach ist, dann doch lieber vom Leib. Ich persönlich halte mich da lieber an ein anderes nützliches Metall: Es ist zwar nicht vom Nimbus des Urans umgeben, dafür ist es aber auch nicht radioaktiv. Dafür hat es eine sehr schöne rote Flammenfärbung. Die Chemiker werden es erraten haben: Es geht um Lithium !

Wie man der unten stehenden Abbildung entnehmen kann (Scientific American, Ausgabe Feb. 1957), handelt es sich um das Miracle Element (sic!). Flugzeugbau, Air-conditioning und Mehrzweck-Fett, sogar organische Chemie. Meiner Meinung nach ein Element, dessen Verbindungen (besonders die Organometallverbindungen) in keiner guten Synthese fehlen sollten (wie der Knoblauch in einer guten Tomatensauce).

 

Für diese und viele andere Perlen der antiken Werbung empfehle ich den Besuch bei folgendem lesenswerten Blog : http://blog.modernmechanix.com.

Quellen:

[1] links: Wikipedia, Foto by André Karwath aka Aka (Lizenz); rechts: Wikipedia, Stichwort Kanister

Brust oder Keule ? Der Weihnachtsschmaus

Es heißt, Liebe gehe durch den Magen. Doch es gibt noch ein anderes Gefühl oder besser Gemütszustand, der durch den Magen geht: die Weihnachtsstimmung. Zu keiner Gelegenheit wird ähnlich tief in die kulinarische Trickkiste gegriffen und gekocht, dass sich die Balken des Esstischs biegen, wie zu Weihnachten.

Bereits während der Adventszeit wird fleißig gebacken und allerhand weihnachtliches Naschwerk für die Feiertage gebunkert oder aus lauter Vorfreude bereits verzehrt. Und dann natürlich die bekannte Frage nach dem Festtagsschmaus.

Die Dreifaltigkeit des Weihnachtsschmaus

Hört man sich in deutschen Landen um, gibt es offenbar drei große Strömungen, denen man folgen kann:

  1. Die Weihnachtsgans

Fairerweise muss man eigentlich Festagsbraten sagen. Die Gans ist sicher die bekannteste Variante, wird aber auch gerne mal gegen eine Ente oder einen Truthahn (besonders beliebt in UK und USA) substituiert. Um die traditionelle Bedeutung des doch recht gehaltvollen Gänsebratens zu ergründen, muss man sich zunächst den eigentlichen Charakter der Adventszeit vor Augen führen. Eigentlich ist diese nämlich eine strenge Fastenzeit. Dem entsprechend freute man sich, wenn diese mit der Christmette am heiligen Abend vorüber war und beging den Anlass mit einem opulenten Festtagsbraten. Dieser musste nicht gezwungenermaßen eine Gans sein: Auch heute noch spricht man besonders im Süddeutschen von der Mettensau, eben jener Sau, die nach der Mette als festtäglicher Schmaus gebraten wurde. Als ordentlicher Christ durfte man es aber damals nicht versäumen, den Festtagsbraten zusammen mit 12 Äpfeln – symbolisch für die 12 Apostel – zu servieren !

Doch was dem Einen als kulinarischer Hochgenuss genügt, taugt dem Nächsten höchstens dazu das Herz zu brechen, ob der Tatsache, dass die possierliche Gans einen Kopf kürzer gemacht wird. Dieser Umstand verhalf zwei Gänsen zu größerer Bekanntheit – der Weihnachtsgans Auguste („Lat mi in Ruh, ick will in min Truh’“), die das Herz der Familie erobert und so dem Bräter entkommt, und der Weihnachtsgans des Bundeskanzler Schröder. Jener Ganter – unpassenderweise auf den Namen Doretta hörend – entkam 2000 dem Schicksal auf dem Teller des Bundeskanzlers zu landen.

Je nachdem welcher Quelle man glaubt, auf Intervention der 9-jährigen Tochter der Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf oder aber eben durch Betreiben der deutschen Presse, die eine Parallele zu vom US Präsidenten begnadigten Truthähnen an Thanksgiving herstellen wollte. Jedenfalls wurde Doretta wieder auf den heimischen Geflügelhof entlassen, wo sie bis zum Ende der Schröderschen Kanzlerschaft mittels jährlichem Verrechnungsscheck Rente bezog. Danach wurde Doretta von einem Seniorenheim in Berlin-Zehlendorf adoptiert, wo sie dann bis zu ihrem natürlichen Lebensende unter dem Namen „Herr Schröder“ weiterleben durfte.

  1. Der Weihnachtskarpfen

Fisch genießt ja schon seit altersher einen besonderen Status im Christentum. Der Fisch gilt ja als Erkennungszeichen der Christen, was der Legende nach daher rührt, dass das griechische Wort für Fisch – ἰχθύς ichthýs – eine Art Akronym für eine Kurzform des Glaubensbekenntnis steht (Iēsoûs Christós Theoû Hyiós Sōtér – Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser).

Aber auch beim Weihnachtskarpfen spielt die Fastenzeit eine Rolle, denn Heiligabend gehört, nimmt man es genau, zur Fastenzeit.

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Und in der Fastenzeit verzichtet man auf Fleisch. Höchstens Fisch ist erlaubt ! Interessanterweise war man im Mittelalter recht kreativ in der Auslegung, was alles als Fisch durchgeht: Während Muscheln & Krebse auch heute noch vom Fischkoch in seinem Zuständigkeitsbereich toleriert werden, sind Enten, Papageientaucher, Biber und eben Gänse (sprich alles was am Wasser kreucht und fleucht) definitiv extrem liberale Interpretationen des Konzepts Fisch. Dabei gab es aber bereits damals schon Zweifler an dieser Theorie. Da Fische nach damaligem Kenntnisstand in Muscheln heranwuchsen, bezweifelte z.B. Kaiser Friedrich II., dass die Vögel, die er an der Küste beobachtete, wie Fische aufwuchsen.

Und so hat sich der Karpfen bis heute in manchen Gegenden Deutschlands – aber viel mehr noch bei unseren direkten östlichen Nachbarn Tschechien und Polen – als Weihnachtsmahl gehalten. Phänomene wie bei der Weihnachtsgans Auguste darf man bei einem Fisch natürlich nicht erwarten – allerdings war es durchaus Usus den Fisch wegen der besseren Lagerhaltung die letzten Paar Tage vor der Zubereitung in der heimischen Badewanne zu halten. Hier hatte der Karpfen, der vorher womöglich in einem schlammigen Teich großgezogen wurde, die Möglichkeit in klarem Wasser zu schwimmen und etwas von seinem erdigen Geschmack zu verlieren. Ein Sympathieträger ist der Karpfen aber sicherlich nicht geworden. Irgendwann ist man froh, wenn der Okkupant der Wanne weg ist und man in dieser wieder selbst schwimmen darf.

Ein weiterer Grund warum sich der Karpfen zu Weihnachten einer großen Popularität erfreut, ist der aus Tschechien stammende Aberglaube, dass die Schuppen des Karpfens, beim Essen unter den Teller gelegt oder noch besser beim Kleingeld im Portemonnaie aufbewahrt, Reichtum im neuen Jahr bewirken soll. Grund ist die runde, glänzende Gestalt der Schuppen, gleichsam einer Münze.

  1. Würstchen mit Kartoffelsalat

Ok, zugegeben Würstchen & Kartoffelsalat sind jetzt etwas antiklimaktisch, da dieses Essen eher an Kindergeburtstag erinnert als an Festschmaus. Jetzt könnte man diesem vergleichsweise bescheidenen Mahl noch immerhin zu Gute halten, dass es immerhin in die Fastenzeit passt. Doch ist die Beliebtheit dieses schlichten Klassikers eher dem Umstand geschuldet, dass man ihn gut vorbereiten kann, so dass der Aufwand in der Küche am heiligen Abend sich auf ein Mindestmaß beschränkt. Immerhin muss ja noch Bescherung gemacht werden oder die Weihnachtsmesse besucht werden.

Mehrgängemenü

Und für Diejenigen, die sich für keine der Optionen entscheiden können und/oder im Vogtland oder Erzgebirge leben gibt es das Neunerlei, sozusagen ein weihnachtliches 9-Gänge-Menü. Die Zahl 9 symbolisiert dabei die Verdreifachung der heiligen Dreifaltigkeit – Vater, Sohn und heiliger Geist. Beim Neunerlei gibt es allerdings keine allgemeine Menüabfolge. Die genaue Zusammenstellung ist stark regional und von Familie zu Familie unterschiedlich, allen ist jedoch gemein, dass Klöße und Linsen gereicht werden.

  • Bratwurst oder Schweinebraten mit Linsen
    (Linsen damit es nicht am nötigen Kleingeld mangelt)
  • Hering mit Äpfeln
    (um allzeit fischelant, also beweglich zu bleiben)
  • Grütze und Hirsebrei
    (damit das Geld nie ausgeht)
  • Buttermilch oder Semmelmilch
    (für gute Gesundheit im neuen Jahr)
  • Roter Rüben Salat
    (damit man immer rote Wangen behält)
  • Sauerkraut
    (das einem das Leben nicht sauer wird)
  • Klöße, Karpfen oder Hering
    (damit auch das große Geld zu einem kommt)
  • Pilze
    (damit die Früchte der Natur wachsen und gedeihen)
  • gedörrte Pflaumen, Nüsse oder Mandeln
    (damit der Alltag im neuen Jahr gut verlaufen möge)

Begleitet wird das Neunerlei noch von einer Vielzahl an flankierenden Maßnahmen, wie einem zusätzlichen Gedeck für den fremden (armen) Gast. Ebenso wird davon abgeraten während des Essens aufzustehen („sonst wird man bestohlen“ oder „die Hühner verlegen einem die Eier“). Ob das nun alles in die Kategorie Aberglauben einsortiert werden muss und inwiefern sich das mit einem christlichen Hochfest vereinen lässt, überlasse ich dem geneigten Leser zu entscheiden.

Und international ?

Aber damit nicht genug. Neben dem Festschmaus gibt es noch allerhand andere Dinge zum Naschen und Schlemmen. Über den berühmten Dresdner Christstollen haben wir hier ja schon gesprochen. Wem der buttrig-köstliche Christstollen aber trotzdem noch zu trocken sein sollte, der möge sich an unsere Nachbarn im Westen wenden:

Buche-cropped
So bäckt man in Frankreich 🇫🇷 zu Weihnachten schon mal einen Bûche de Noël, einen Weihnachtsscheit (zu Deutsch auch mitunter Bismarck-Eiche genannt). Bei diesem Kuchen im Stil einer Biskuit-Rolle wird mit Schokoladen-Buttercreme ein Holzscheit modelliert. Erinnern soll dieses traditionelle Desert an den Holzscheit, den man früher zu Weihnachten im Kamin verbrannte. Mit dem langsamen verschwinden von offenen Kaminen aus den Haushalten, wurde diese „süße Buche“ von einem Pariser Konditor (erstmals erwähnt 1879) als Ersatz eingeführt.

In Italien 🇮🇹, besonders in der Gegend von Mailand, schwört man auf den Panettone, einen Hefesauerteig-Kuchen mit Rosinen und kandierten Früchten. Fast also das italienische Pendant des Christstollens. Einer Legende nach verpfuschte der Hofbäcker am Hofe des Mailänder Fürsten Ludovico Sforza die Nachspeise des festlichen Weihnachtsgelages. Die Süßspeise – im Ofen verbrannt ! Doch der hilfsbereite Küchenjunge Toni bot sich an in die Bresche zu springen: Er hatte aus übrig gebliebenen Zutaten – Mehl, Butter, Eiern, kandierten Früchten etc. – einen Kuchen gebacken. In der Not nahm der Küchenchef das Angebot dankend an. Und siehe da: Das Backwerk mundete den Gästen des Fürsten gar vortrefflich. Auf die Frage, wie das Gebäck denn heiße, antwortete der Chefkoch „L’è ‚l pan de Toni“ („Das ist Tonis Brot). Voila, der Panettone.

Lutefisk
Hierzulande eher etwas für die Hartgesottenen und Experimentierfreudigen, für die Skandinavier 🇸🇪🇩🇰🇳🇴 aber eine Delikatesse, die in der Weihnachtszeit recht populär ist: Lutefisk. Dabei handelt es sich um speziell in Lauge mehrtägig marinierten Stockfisch von gelatinöser Konsistenz, der mit ausgelassenem Speck, Stampfkartoffeln und Erbsenpüree serviert wird und ob seines milden Geschmacks gerühmt wird. Dazu reicht man Akvavit und Bier. Der Legende nach brannte bei den Wikingern einst eine Birkenholzgestell mit Trockenfisch nieder. Der vom Feuer verschonte Fisch lag dann eine Weile in der vom Regenwetter feucht gewordenen alkalischen Birkenasche, wo er von den hungrigen Wikingern gefunden wurde, die sich daraus ein schmackhaftes Mahl zubereiteten.

Wahrscheinlicher ist aber, dass man bei der Zubereitung von Trockenfisch, diesen gerne in Lauge dehydrierte, damit dieser beim kochen später eine zartere Konsistenz annahm.

Christmas pudding (11927643275)
In Großbritannien 🇬🇧 serviert man gerne einen Christmas Pudding am 1. Weihnachtsfeiertag. Dabei darf man diesen aber nicht mit den deutschen Puddings vergleichen. Bestehend aus Rindernierenfett, Melasse, Rosinen, Brotkrumen, Eiern, Mehl, geriebenen Möhren, Orangen und Mandeln ähnelt der Christmas (oder auch Plum) Pudding im ganz weiten Sinne eher dem deutschen Serviettenknödel. Der Pudding wird auch gerne nach Entnahme aus der Puddingform mit reichlich Brandy getränkt, um den Pudding zu flambieren. Da der Pudding tatsächlich gekühlt recht lange haltbar ist, wird er gerne bereits deutlich im Vorfeld von Weihnachten zubereitet, nämlich am sogenannten Stir-up Sunday. Dabei ist das manuelle Anrühren des Teigs eine recht mühselige Angelegenheit, weswegen man gerne alle Mitglieder des Haushalts involvierte, die sich dann beim Umrühren des Teigs etwas für das kommende neue Jahr wünschen durften. Dabei war es wichtig den Teig von „Osten nach Westen“ zu rühren, um die Drei Heilgen Könige, die aus dem Morgenland (sprich: Osten) kamen, zu ehren.

Ebenso fügte man gerne eine kleine Silbermünze zum Pudding hinzu, die dem glücklichen Finder entsprechend Glück im neuen Jahr bringen sollte. Bedauerlicherweise scheinen diese Gebräuche aber mittlerweile langsam in Vergessenheit zu geraten, da Umfragen in jüngerer Zeit ergaben, dass 2/3 der Befragten britischen Kinder noch nie im Anrühren des Christmas Puddings beteiligt waren. Was daran liegen mag, dass viele Eltern mittlerweile auf fertig vorbereiteten Pudding zurück greifen.

Hühnchen zu Weihnachten

Spricht man von Weihnachtsgebräuchen, ist von Japan 🇯🇵 eher selten die Rede. Doch auch im Lande von Shintoismus und Buddhismus, lässt man es sich nicht nehmen an der weihnachtlichen Freude teilzuhaben. Was nun das Weihnachtsessen angeht hat sich in Japan eine recht eigentümliche Tradition (oder vielleicht Trend?) eingebürgert. Begegnet man nämlich zu Weihnachten in Japan einer rotgewandeten Person mit weißem Bart, muß dies nicht zwangsläufig der Weihnachtsmann sein, sondern niemand anderes als der Hühnerbräter Colonel Sanders, Gründer und Aushängeschild von Kentucky Fried Chicken.

Denn seit den 1970er Jahren wird in Japan aggressiv für Brathühnchen zu Weihnachten geworben, oder anders: クリスマスはケンタッキー (Kurisumasu wa kentakkīdesu – Christmas is Kentucky). Alles Konsequenz des Umstands das Exil-Amerikaner in den 70ern einen beklagenswerten Mangel an Christmas Turkey in Japan feststellten und sich deswegen zu Weihnachten bei KFC trafen um Brathuhn als nächst bestes Truthahnsurrogat zu verzehren. Ein Trend auf den die Japaner gerne aufsprangen. Mittlerweile investiert man umgerechnet bis zu 40$ für sein Checken Dinner zu Weihnachten. Vorbestellungen werden bereits Anfang Dezember angenommen und Wartezeiten von bis zu 2 Stunden sind keine Seltenheit.

Wir sehen also, zu Weihnachten werden auch in kulinarischer Hinsicht weder Kosten noch Mühen gescheut. In diesem Sinne also Frohe Weihnachten und Guten Appetit !

Superfoods – Das Gute daran ist das Gute darin ?

Gesunde Ernährung und „hippe Trends“ in der Ernährung waren hier in letzter Zeit ja schon des öfteren Mal Thema. Während im Angesicht vermehrter Lebensmittelskandale und meterlanger Listen von Zusatzstoffen oft der Fokus darauf liegt, was alles nicht in unser Essen rein darf, soll es heute mal um all die Lebensmittel gehen, die man absichtlich seiner Ernährung zusetzt, weil man sich davon gesundheitliche Vorteile erhofft. Das Motto hier lautet nicht mehr nur gesund essen, sondern viel mehr Gesundheit essen.

Dies trifft in besonderem Maße auf sogenannte Superfoods zu, also solche Lebensmittel, die nicht der blanken Energiezufuhr oder dem puren Genuss dienen, sondern die auch noch zusätzliche Gesundheitsvorteile versprechen.

Und was diese Superfoods angeblich alles können ist beachtlich. Das Spektrum reicht von Krebsprävention, Blutdrucksenkung und dem Immunsystem förderlichen Effekten, bis hin zu reiner Haut und allgemeinem Wohlbefinden. Eine Apotheke könnte glatt neidisch werden.

Gesund essen vs Gesundheit essen

Ursächlich für die erhöhte Aufmerksamkeit und Klassifikation als Superfood sind oft Studien, die zeigen, dass bestimmte natürliche Inhaltsstoffe einen positiven Effekt haben. Dabei handelt es sich oft um sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe, d.h. solche Stoffe, die eine Pflanze nicht für ihren Energiestoffwechsel benötigt, also nicht unmittelbar lebensnotwendig sind. Zwei prominente Vertreter solcher Substanzen, die Jeder kennt (wenn auch nicht in Verbindung mit Superfoods), sind Koffein und Nikotin. Eher relevant für gute Gesundheit wären z.B. die Polyphenole, die jedem gesundheitsbewussten Rotweintrinker natürlich ein Begriff sind.

Versammeln sich also im Idealfall mehrere dieser gesunden Naturstoffe in einem Nahrungsmittel, wird es zum Superfood geadelt. So weit, so gut (für die Gesundheit). Das Schöne an dem Konzept Superfood ist der Gedanke das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Wir trinken ein leckeres Rotweinchen (Genuß!) und tun mit den Polyphenolen auch etwas für unsere Gesundheit. Wir knabbern ein paar Goji-Beeren und härten unser Immunsystem ab. Einfache Lösungen kommen eben immer gut an. Gerade bei komplizierten Zusammenhängen wie das Thema Gesundheit.

Doch auch hier gilt: Einfache Lösungen für komplexe Probleme kommen nur ganz selten vor. Es mag tatsächlich der Wahrheit entsprechen, dass bestimmte sekundäre Pflanzenstoffe in Studien einen positiven Effekt zeigen.

Nehmen wir z.B. das im Rotwein enthaltene Resveratrol, ein Polyphenol, welches Wirksamkeit gegen Krebszellen und positive Effekte auf Alzheimer zeigt. Während dies durchaus interessante Ergebnisse sind, wird hier insbesondere in den Medien, die Ottonormalbürger beobachtet, aber oft außer Acht gelassen, dass viele dieser Studien in Tiermodellen oder in-vitro, d.h. im Reagenzglas durchgeführt werden. Das bedeutet, dass

  1. die beim Tier beobachteten Effekte nicht zwingend auch beim Menschen auftreten müssen
    und
  2. „Reagenzglasversuche“ unter idealen Laborbedingungen stattfinden und in Realität viele weitere Bedingungen zu berücksichtigen sind, die im Laborversuch nicht auftreten.

Während im Versuch der zu untersuchende Stoff gezielt zugeführt wird, also in relativ konzentrierter Form und direkt am Ort des Geschehens, kann der selbe Stoff, als Bestandteil eines Lebensmittels in relativ verdünnter Form vorliegen und muß erst einmal unseren Stoffwechsel durchwandern, bis er im Gehirn Alzheimer vorbeugen kann.

Im dümmsten Fall kann dies bedeuten: Bis wir einen positiven Effekt durch das Resveratrol spüren, haben wir soviel Rotwein genossen, dass wir längst dem Suff erlegen sind.

Diesem Einwand könnte man nun dadurch Rechnung tragen, dass man vom Konzept Superfood als solches ein Stück abweicht und z.B. Extrakte kocht und Pillen presst. Der Wirkstoff kann dadurch in konzentrierter Form eingenommen werden. Doch auch hier ist eine gewisse Vorsicht angebracht. Denn was von Befürwortern von Naturheilkunde und Heilmitteln aus der Natur gerne außer Acht gelassen wird: Nur weil ein Heilmittel direkt von Mutter Natur kommt, heißt dies noch lange nicht, dass es frei von Nebenwirkungen ist. Auch hier sollte man wissen was man tut. Bleiben wir z.B. beim Resveratrol und Krebs: Es kann gezeigt werden, dass Resveratrol dem programmierten Zelltod in Krebszellen Vorschub leisten kann, d.h. die Krebszellen sterben ab. Findet jedoch gleichzeitig eine Chemotherapie statt, z.B. mit Taxol (hemmt das Wachstum von Krebszellen), kann das Resveratrol die krebstötende Wirkung des Chemotherapeutikums unterbinden.

Getrocknete Goji Beeren für’s Müsli

Anderes Beispiel: Goji-Beeren. Hier lässt sich z.B. beobachten, dass Inhaltsstoffe der Goji-Beere das Enzym Cytochrom P450 3A4 in der Leber blockieren. Dieses Enzym ist aber an der Verstoffwechselung vieler Arzneimittel beteiligt, was im ungünstigsten Fall z.B. bei besonders starken Medikamenten hässliche Nebenwirkungen haben kann.

Dies soll Wirkstoffe aus der Natur natürlich nicht verdammen, da sich damit auch viele positive Dinge erreichen lassen. Man darf eben nur nicht außer acht lassen, dass solche Wirkstoffe genauso wirkungsvoll (wenn nicht gar mitunter wirkungsvoller) sein können als rein synthetische. Mit allen positiven, wie auch negativen Konsequenzen.

Goji und Chia vs Tomate und Weintraube

Doch es muss ja nicht immer auf die sekundären Pflanzenstoffe ankommen. Immerhin sollen Superfoods, mitunter auch in Form von Superfruits, vollgepackt sein mit Vitaminen und wertvollen Mineralstoffen.

Die Alternative ist vom Konzept her simpel aber weniger ‚sexy‘ als Superfood: die vielzitierte ausgewogene Ernährung. Wer eine gute Mischung an Obst und Gemüse zu sich nimmt (simple Sachen wie Äpfel, Bananen, Tomaten, Karotten etc.), braucht auch keine speziellen Superfoods, die einmal um die halbe Welt geflogen sind oder von denen außer dem Ernährungsguru noch nie jemand bei uns gehört hat. Und auch die viel gerühmten sekundären Pflanzenstoffe sind in den heimischen Produkten enthalten. Sei es das bereits erwähnte Resveratrol im Wein oder Lutein und Zeaxanthin in der Tomate, im Grünkohl oder im Mais.

Grünkohl als heimisches Superfood ?

Der Grünkohl hat eben eine schlechtere Marketingabteilung als z.B. die Gojibeere. Der Superfoodernährungsguru verkauft eben nicht nur ein Nahrungsmittel, sondern ein Lifestyleprodukt, eine Vision.

Schenkt man den Statistiken im Internet glauben (z.B. hier und hier), wurde im Jahr 2016 in Deutschland Umsätze im Bereich von 43-46 Mio. Euro erzielt, der Großteil davon mit Chia-Samen. Tendenz weiter steigend.

Infografik: Der Hype um Superfoods | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Im Kontrast dazu lässt sich mit heimischem Obst und Gemüse sicher kein Vermögen verdienen. Dafür gibt es einfach zu viele Anbieter und die Wahre ist eben nicht sexy genug. Denn Superfood ist oft auch ein Synonym für Trendfood. Einer fängt damit an und dank Marketing und Medien ist es plötzlich trendy sich Chia-Samen über das Müsli zu streuseln.

Fliegt einmal um die Welt und veredelt Gebäck und Müsli: Chia-Samen

Übrigens, wer sich einen Überblick über exotische Superfruits einerseits, sowie einige Beispiele für gesunde einheimische Gewächse andererseits verschaffen will kann dies hier tun:

Justitia und Superfood

Überhaupt tritt ein Problem auf, wenn es um Marketing und Gesundheit geht. Positive Effekte auf die Gesundheit sind ein hocheffektives Zugpferd für die Vermarktung von Produkten. Damit also der Verbraucher mit halbgaren, wissenschaftlich nicht haltbaren Behauptungen angelockt und abgezockt wird, gibt es die sogenannte Health Claims Verordnung, gemäß welcher

„eine Werbung mit gesundheits- und nährwertbezogenen Angaben […] prinzipiell nur zulässig [ist], wenn die Angaben von der Europäischen Union in einem […] Verfahren wissenschaftlich anerkannt wurde“.1

Dies verdeutlicht auch nochmal, welcher Schmu teilweise mit der Ernährung getrieben wird.

Superfood – Und wie weiter ?

Wie sieht nun das Fazit aus ? In der Apotheken Umschau zum Superfood Chia-Samen findet sich z.B. folgendes Statement eines Experten der Bundesanstalt für Ernährung, welches die Sache gut auf den Punkt bringt:

 „Wer sie essen mag, soll das gerne tun. Eine ähnliche Fettzusammensetzung finden Sie aber auch in heimischen Saaten wie Leinsamen, Rapsöl oder Nüssen“, schränkt Seitz ein. Regionale Produkte seien billiger. Zwar sind Chia-Samen länger haltbar. „Aber in Zeiten des Klimawandels sollte man sich auch fragen, ob man den hohen CO2-Fußabdruck von transatlantisch importierten Lebensmitteln verantworten will“, so Seitz.
Ein schöner Tomatensalat und ein Glas Rotwein tut es also sicherlich auch.

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Verordnung_(EG)_Nr._1924/2006_(Health_Claims)

Von noblen und nicht ganz so noblen Preisen

Jedes Jahr Ende September / Anfang Oktober hält die wissenschaftliche Welt den Atem an in Erwartung der Verkündung der diesjährigen Nobelpreise in Medizin & Physiologie, Physik und Chemie, gefolgt von den Preisen für Literatur und Bemühungen um den Weltfrieden. Kurzum: Es wird getreu den Vorgaben Alfred Nobels, dem Erfinder des Dynamits, ein Preis „an diejenigen ausgeteilt […], die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben“.

Goldmedaille für Wissenschaftler

Darunter findet man zahlreiche kluge Köpfe mit ihren mehr oder weniger der Allgemeinheit bekannten bahnbrechenden Entdeckungen wie Albert Einstein (für den photoelektrischen Effekt, nicht etwa wie viele annehmen für die Relativitätstheorie), Otto Hahn (für die Entdeckung der Kernspaltung), Kary Mullis (Polymerase-Kettenreaktion, essentieller Schritt bei der Untersuchung des genetischen Fingerabdrucks), Watson & Crick (Doppelhelix-Struktur der DNA) und viele Andere.

Während der Nobelpreis also große Aufmerksamkeit genießt und schon sprichwörtlich als Sinnbild für den ultimativen Preis gilt, haben nur wenige bislang vom Ig-Nobel Preis gehört. Unbekannt, aber nicht weniger bemerkenswert. Dieser eher satirisch gemeinte Preis zeichnet wissenschaftliche Leistungen aus, die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“.

Während der Großteil der damit ausgezeichneten Forschung kuriose, unerwartete oder auch humoristische Qualitäten besitzt und deswegen ins Auge der Öffentlichkeit gerückt werden soll (etwa für den Nachweis, dass schwarze Löcher technisch alle Kriterien erfüllen, die Hölle zu beherbergen), gibt es auch das etwas ernstere Szenario das vermittels Satire Kritik an Phänomenen des Zeitgeschehens geübt werden soll. Etwa wenn das Kansas State Department of Education einen Preis in der Kategorie Bildung für die Förderung des Kreationismus im Biologieunterricht verliehen bekommt oder die Premierminister von Indien & Pakistan den Friedenspreis für den militant friedlichen Einsatz von Kernwaffen.

Verliehen wird der Ig-Nobelpreis von der im Umfeld der Harvard Universität erscheinenden Zeitschrift Annals of Improbable Research in den bereits erwähnten Disziplinen plus einiger zusätzlicher von Jahr zu Jahr verschiedenen etwas exotischerer Fachbereiche wie Verbraucher Technik oder Visionäre Technologie.

Der Ig-Nobelpreis in letzterer Kategorie wurde 1993 an Jay Schiffman aus Michigan in den USA verliehen für die Erfindung einer Vorrichtung mit Namen AutoVision, die ein gleichzeitiges Fernsehgucken und Führen eines Kraftfahrzeugs ermöglicht. Während das zugrundeliegende technische Konzept gar nicht mal so verrückt erscheint, quasi eine Kombination aus Windschutzscheibe und der berühmten GoogleGlass Brille, ist es aus nachvollziehbaren Gründen, nicht empfehlenswert diese Erfindung in ihrem vollen Funktionsumfang im Alltag zu benutzen. Entweder kommt es zu Auffahrunfällen oder aber man kriegt nur die Hälfte der Handlung seiner Lieblingsserie mit. Das verrückteste daran ist aber: Der Staat Michigan hat den Einsatz der AutoVision im Straßenverkehr sogar für rechtens erklärt.

Technische Revolution in der Apparatemedizin

Ein weiteres Patent mit zweifelhafter Altagstauglichkeit gewann 1997 den Preis in der Kategorie Apparatemedizin: „Vorrichtung zur Erleichterung der Geburt eines Kindes durch Zentrifugalkraft“.1 Zum Einsatz kommen soll diese Maschine bei Schwangeren, deren Beckenbodenmuskulatur durch die heutige bewegungsarme Lebensweise unterentwickelt ist und die folglich bei der Geburt beim Pressen ziemlich abmühen müssen, um das Kind hervor zu bringen. Die Patientin wird also auf eine Liege geschnallt, die dann um das Kopfende herum in horizontale Rotation versetzt wird. Da so die stärkste Zentrifugalkraft auf den Unterleib wirkt, soll das Baby durch die Fliehkraft ausgetrieben und in ein am Fußende der Liege befindliches Fangnetz befördert werden. Wir stellen fest: Eine sanfte Geburt für Mutter und Kind sieht entschieden anders aus.

Wer seinem täglichen Brötchenerwerb auf dem Gebiet der Forschung & Entwicklung nachgeht, der weiß, dass Forschung oft mit harter Arbeit verbunden ist. Auch kommt es vor, dass Forscher, die für ein Wirtschaftsunternehmen arbeiten nicht zwangsläufig ihre favorisierten Projekte oder eigenen forscherischen Neigungen ausleben können. Am Ende des Tages muß die Kasse stimmen und es soll Geld verdient werden. Dem entsprechend kann man schon leicht neidisch werden, wenn man liest auf welch amüsantem und/oder scheinbar sinnfreien Gebiet manche Leute sich betätigen.

Die Wissenschaft vom gepflegten Suff

Nehmen wir zum Beispiel den Gewinner der Kategorie Psychologie von 2013: „‘Beauty is in the eye of the beer holder’: People who think they are drunk also think they are attractive“2 Das man sich angeblich seinen Gegenüber schön trinken kann, ist hinlänglich bekannt. Aber funktioniert dies auch mit der Selbstwahrnehmung ? So wurden in einer Feldstudie Besucher einer Bar beobachtet und hinsichtlich ihrer Selbstwahrnehmung nach dem Konsum alkoholischer Getränke befragt. Resultat: Je betrunkener, desto attraktiver kamen sich die Probanden vor. Auch in einer Placebo kontrollierten Studie konnte dies bestätigt werden. Neben der gewonnenen Erkenntnis, sehen wir also, dass man auch in der Forschung das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden können und seine Arbeit, eine geeignete Idee vorausgesetzt, auch in unsere Stammkneipe verlegen können.

Unwiderstehlich dank Bier !

Ebenfalls mit dem gepflegten Suff zu tun hat der Gewinner des Biologie-Preises von 2018: „The scent of fly“ (Der Geruch der Fliege).3 In dieser Arbeit wurde der Nachweise geführt, dass bereits eine einzelne Fruchtfliege ausreicht, um ein Glas Wein hinreichend zu kontaminieren, dass es für den Weinkenner geschmacklich verdorben ist. Neben diversen „Trockenversuchen“ wurden dem Wein Tasting Panel unteranderem auch ein trockener Pinot Blanc, Jahrgang 2013, der Staatsweinkellerei Freiburg kredenzt, der vorher mit einer einzelnen weiblichen Fruchtfliege „abgeschmeckt“ wurde. Wer kann schon von sich behaupten im Dienste der Wissenschaft Wein verkosten zu dürfen.

Krokodile & Katzen in der Wissenschaft

Das Kuriose ist ja, dass viele dieser Studien auf einer seriösen und validen Grundannahme basieren, sich aber aufgrund ihres unkonventionellen Versuchsaufbaus für den Ig-Nobelpreis qualifizieren. Beispielhaft ist hier z.B. der Beitrag in der Kategorie Wirtschaft von 2017: „Never Smile at a Crocodile: Betting on Electronic Gaming Machines is Intensified by Reptile-Induced Arousal 4 Die Annahme in dieser Studie ist, dass sich ein gewisser „Adrenalin-Pegel“ sich in einem risikofreudigeren Verhalten bei Glücksspielen manifestiert. Im Idealfall würde man sich jetzt einen Versuch unter Laborbedingungen vorstellen, bei dem die Probanden in die passende Gemütshaltung gebracht werden. Doch die Australischen Forscher verlegten ihren Versuch vom Labor auf eine Krokodilfarm. Um den gewünschten Zustand der Erregung herbeizuführen, wurde einem Teil der Probanden ein 1-Meter-langes Leistenkrokodil in die Arme gedrückt, bevor sie ihr Glück an einem Spielautomaten versuchen durften. Tatsächlich neigte ein Teil von besonders glücksspielaffinen Probanden zu einer höheren Risikofreudigkeit, sofern sie nicht durch die Krokodilbehandlung völlig verschreckt waren.

Ein Forschungskrokodil (Abbildung ähnlich)
Ein Forschungskrokodil (Abbildung ähnlich)

Der reinen Wissenschaft zu frönen kann schön schön sein. Idealerweise lassen sich die Früchte der eigenen Arbeiten auch noch kommerzialisieren. Es gibt aber noch eine dritte Option: Wer sich mit Social Media auskennt, der weiß, dass Katzen immer gut ankommen. Also warum nicht auch mal in der Wissenschaft oder genauer in der Strömungslehre oder Rheologie sein Glück versuchen und Aufsehen erregen indem man Cat Content produziert: “On the rheology of Cats“ (Über die Strömungslehre von Katzen)5, Gewinner des Physik Ig-Nobelpreises von 2017, einer Studie in welcher der Frage nachgegangen wird, ob eine Katze sowohl Flüssigkeit als auch ein Feststoff sein kann. Natürlich ist diese Arbeit nicht ganz ernst gemeint und mehr ein Insider Joke für die Strömungsgelehrten, die sich mit einem Augenzwinkern der lustigen Eigenschaft von Katzen zuwendet, sich geschmeidig auch in die engsten Räume „hineinschmiegen“ zu können. Aber wer hat auch gesagt, dass Wissenschaft nicht fröhlich sein darf ?

Marc-Antoine Fardin, Rheology Bulletin, vol. 83, 2, July 2014, pp. 16-17 and 30.
Marc-Antoine Fardin, Rheology Bulletin, vol. 83, 2, July 2014, pp. 16-17 and 30.

Mathematik & Chemie

Und wer basierend auf eigenen Erfahrungen während der Schulzeit annimmt, dass Wissenschaften wie die Mathematik, völlig humorbefreit sind, der möge sich folgende Ig-Nobel Beiträge zu Gemüte führen:

  • “The Case of Moulay Ismael – Fact or Fancy?“ Für Klärung der Frage mittels Computersimulation, ob Moulai Ismail, der Blutdürstige (Kaiser von Marokko 1697-1727) tatsächlich 888 Nachkommen gezeugt haben kann. (Ja, kann er !)6
  • Gorbachev! Has the Real Antichrist Come? In welcher ein gewisser Robert W. Faid die Wahrscheinlichkeit ausrechnet, dass Michail Gorbatschow der Antichrist ist (710.609.175.188.282.000 zu 1)7

Da der Preis seit 1991 bereits in zahlreichen Kategorien vergeben wurde, würde es natürlich den Umfang dieses Artikels sprengen, hier alle wieder zu geben. Wer hier allerdings regelmäßig mitliest, weiß das ich aufgrund meiner teilweise berufsbedingten Affinität zur Chemie hier nicht aufhören kann, ohne einen chemischen Bezug hergestellt zu haben. Somit möchte ich hier den durchaus interessanten und potentiell alltagsrelevanten Ig-Nobel Beitrag zur Chemie des Jahres 2018 würdigen.8 Jeder kennt es: Das wache Auge des Betrachters hat einen Klecks Schmutz ausgemacht, hat aber gerade keine Reinigungsutensilien zur Hand. Deswegen versucht man in einem unbeobachteten Augenblick, die störende Anschmutzung schnell mit dem Spucke-befeuchteten Finger auszureiben (Szenario: Oma putzt die Wange ihres Enkels).

Spucke & antike Kunst

Tatsächlich scheint es im Kreise erfahrener portugiesischer Museumskonservatoren üblich zu sein diese Technik bei der Reinigung bestimmter empfindlicher Kunstgegenstände anzuwenden, da so besser und schonender gereinigt werden kann, als mit lösungsmittelbasierten Techniken. Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, dass der typische Schmutzklecks hauptsächlich aus Lipiden (Fett !) besteht, die Proteine und anorganische Teilchen binden und folglicherweise mit den Enzymen im Speichel, die Fette und Proteine spalten können, aufgelöst werden. Somit ist das putzen mit Spucke durchaus gut wirksam, aber dennoch leicht eklig.

Schließen möchte ich mit jenem Ratschlag, mit dem auch jede Ig-Nobelpreisverleihung geschlossen wird:

“If you didn’t win a prize—and especially if you did—better luck next year!“


  1. https://patents.google.com/patent/US3216423
  2. Bègue et al. Brit. J. Psychol. 2012, 104, 225.
  3. Becher et al. J. Chem. Ecol. 2018, 44, 431.
  4. Rockloff + Greer J Gambl Stud 2010, 26,571.
  5. http://www.rheology.org/sor/publications/rheology_b/RB2014Jul.pdf
  6. Oberzaucher et al. PLOS ONE 2014, 9, e85292.
  7. https://www.washingtonpost.com/archive/opinions/1988/06/05/the-devil-in-gorbachev/34f9db9b-9498-4894-9800-90f7d3d4e434/?noredirect=on&utm_term=.817de268aaaa
  8. Studies in Conservation 1990, 35, 153.

Wohl bekomms ?

Manchmal könnte man annehmen das es nicht so darauf ankommt, was in unserem Essen drin ist, sondern auf das was nicht drin ist. Seit 2014 ist es Pflicht für alle, die Lebensmittel verkaufen, den Kunden über enthaltene Allergene, also Inhaltsstoffe, die allergische Reaktionen oder Unverträglichkeiten hervorrufen können, zu belehren. Zu diesen deklarationspflichtigen Inhaltsstoffen gehören z.B.

Gluten, Laktose, Milcheiweis, Hühnerei, Soja, Erdnüsse, Fisch, Krebstiere, Schalenfrüchte, Weichtiere, Lupine, Sesam, Senf, Schwefeldioxid oder Sellerie.

Photo by Lubo Minar on Unsplash
Photo by Lubo Minar on Unsplash

Einerseits ist dies durchaus begrüßenswert, da allergische Reaktionen durchaus bedrohlich sein können – Wenn man denn an einer entsprechenden Allergie oder Lebensmittelunverträglichkeit leidet.

Während man aber eher selten von einer Sellerieunverträglichkeit hört, sind Gluten-frei und Laktose-frei zwei Attribute, die man in letzter Zeit immer häufiger hört und die vermuten lassen, dass  Gluten- und Laktoseintolleranz entweder zwei Leiden sind, die verstärkt um sich greifen, oder das gerade eine ernährungsmäßige Hexenjagd abgehalten wird.

Laktose

Laktose ist Milchzucker und kommt in verschiedenen Anteilen in der Milch von Tieren, aber auch in menschlicher Muttermilch vor. Problematisch an Laktose ist nun, dass es sich dabei um einen Zweifachzucker (aufgebaut aus Glucose und Galactose) handelt, der vom menschlichen Darm nicht aufgenommen werden kann.

Säugetier Anteil Milchprodukte (Kuh)

Anteil Lactose
g/100 g

Esel 7,4 % Magermilch
(0,3 % Fett)
4,80 g
Mensch 7,1 % fettarme Milch
(1,5–1,8 % Fett)
4,80 g
Pferd 6,2 % Vollmilchpulver 35,10 g
Kamel 5,0 % Magermilchpulver 50,50 g
Büffel 4,8 % Kondensmilch 9,32 g
Katze 4,8 % Schlagsahne 3,27 g
Schaf 4,8 % Sauerrahm 3,0 g
Kuh 4,6 % Molke 4,70 g
Yak 4,6 % Joghurt (3,5 % Fett) 3,19 g
Ziege 4,3 % Vollmilchschokolade 2,0 g
Rentier 2,8 % Vollmilch 4,7 g

Die Konsequenz: Da unser Darm von einem ganzen Spektrum an Mikroorganismen besiedelt ist, die Laktose sehr gut aufnehmen und verarbeiten können, fängt es also an in uns zu gähren. Da hierbei eine ganze Menge an Gasen entsteht kommt es zu Blähungen und gleichzeitig entstehende Milchsäure wirkt abführend, was sich im Extremfall in Durchfall äußern kann.

Dem aufmerksamen Leser sollte sich jetzt die Frage stellen: Warum können Säuglinge (laktosehaltige) Muttermilch verdauen, ohne solch unschöne Konsequenzen zu erleiden ? Des Rätsels Lösung: Das Enzym Laktase, welches Laktose in die einfach resorbierbaren Bausteine Glucose und Galactose aufspaltet. Leider geht die Produktion dieses Enzyms im Erwachsenenalter stark zurück. Lediglich in Populationen, die seit langer Zeit Weidewirtschaft betreiben, blieb die Fähigkeit zur Laktosespaltung erhalten. Vermutlich weil sie dadurch einen Selektionsvorteil durch Zugriff auf eine zusätzliche hochwertige Nahrungsquelle wie Milch besaßen. So zeigten evolutionsbiologische Untersuchungen an Skeletten aus der Jung- und Mittelsteinzeit (7800 – 7200 Jahre alt !), dass die damaligen Menschen noch nicht in der Lage waren Laktose zu verdauen. Auch der bekannte Steinzeitmensch Ötzi war laktoseintollerant… Erst im frühen Mittelalter können die ersten laktosetolleranten Menschen nachgewiesen werden.

Dennoch stellt diese Fähigkeit nach wie vor eine Besonderheit der menschlichen Entwicklung dar. Während Nordwest-Europäer überwiegend Laktose vertragen (80 – 98 %; Deutschland ca. 85 %), sind es in Südostasien nur bescheidene 2 %.1

Lactose tolerance in the Old World
Laktosetoleranz in Eurasien (Quelle: Wikipedia)

Nun entsprechen 15 % der Bevölkerung immerhin ca. 12,6 Mio. Einwohnern, für die es gut zu wissen ist, dass für sie ein reiches Sortiment an laktosefreien Produkten existiert. Von Soja und Mandelmilch bis hin zu enzymatisch behandelter Milch, in der die Laktose entfernt wurde. Dennoch sind laktosefreie Produkte mittlerweile auch ein Lifestyle Produkt. So rekrutieren sich die Konsumenten dieser Produkte zu 80 % aus der Menge der laktosetolleranten Milchfreunde, wie eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) herausgefunden hat.2 Dabei hat man keinen wirklichen Vorteil davon. Laktose fördert immerhin die Calciumaufnahme. Und teurer sind die laktosefreien Produkte auch.

Gluten

Kommen wir zum berühmt berüchtigten Gluten (oder Klebereiweiß). Dieses Stoffgemisch aus Proteinen kann in den Körnern bestimmter Getreidesorten wie z.B. Weizen gefunden werden und ist beim Kochen und Backen von entscheidender Bedeutung. Wird Gluten mit Wasser vermischt (z.B. beim Anteigen von Mehl), bildet es eine klebrige und elastische Masse und verleiht damit dem Mehl seine Backfähigkeit, d.h. Gas im Teig einzuschließen. Nur mit Gluten ist es möglich Gebäck in Form von Laiben zu backen. Es sorgt also dafür, dass der Teig seine Form behält. Läßt man es weg, dann ähnelt das Resultat eher einem Fladenbrot.

Keine fluffigen Brötchen ohne Gluten

Was hat es nun mit dem schlechten Ruf des Glutens auf sich ? Zunächst mal vorneweg: Er ist größtenteils unbegründet. Denn: Nur etwa 0.3 % der Weltbevölkerung (1 in 270 Menschen)3 leidet an Glutenintoleranz (Zöliakie).

Dennoch hört man immer wieder von den Gefahren die von Weizen im Allgemeinen und Gluten im Speziellen ausgehen. Fakt ist, das die ganze Angelegenheit relativ kompliziert ist und viele damit verbundenen Zusammenhänge Gegenstand der Forschung sind. Es kann aber als relativ gesichert angesehen werden, dass genetische, also vererbbare Faktoren, eine wichtige Rolle spielen. Liegen diese nicht vor, handelt es sich also wahrscheinlich nicht um Zöliakie, sondern um ein anderes Phänomen.

Wie ist es dann aber zu erklären, dass viele Menschen, die auf eine Gluten-freie Ernährung umgestellt haben, einen positiven Effekt auf ihr Wohlbefinden verspürt haben ?

Man stelle sich ein Weißbrot aus dem Supermarkt vor… Im ungünstigen Fall mit einer erschreckend langen Liste an Inhalts- und Zusatzstoffen. Gebacken in kürzester Zeit aus gebleichtem Mehl.

Dieses wird nun, zwecks Zubereitung eines Sandwichs, mit Halbfettmargarine und einem Dip aus dem Lebensmitteldiscounter bestrichen oder konservierungsmittelhaltigen Eiersalat belegt und zwecks Abtransport am nächsten Morgen in Frischhalte gewickelt. Die Nacht verbringt das Sandwich im Kühlschrank, aber den Weg zur Arbeit und den Rest des Vormittag verbringt es dann wenn es suboptimal läuft bei Raumtemperatur, während es langsam vor sich hin fermentieren kann. Schließlich wird es im Eilverfahren verschlungen und mit einer Tasse des Kaffees, der den ganzen Morgen schon auf der Heizplatte in der Teeküche verbracht hat herunter gespült, was unser Magen mit einem mulmigen Gefühl von leichter Blümeranz mit Anflügen von Sodbrennen quittiert. Unser Fazit: Verdammt, die glutenfreien Ernährungsapostel aus dem Internet haben doch recht…

Stellt man nun seine Ernährung entsprechend auf glutenfrei um und gibt sich voll der Paläodiät hin, stellt sich ein verbessertes Wohlbefinden ein. Aber sehr wahrscheinlich nicht, weil wir das Weizen-haltige Brot weggelassen haben, sondern weil wir auch eine ganze Latte an Zusatzstohfhaltigen Lebensmitteln weggelassen haben und wesentlich bewusster auf unsere Ernährung achten und uns nicht mehr wie ein Müllschlucker in rasendem Tempo zu Unzeiten vollfuttern. Der von Vielen beobachtete Abnehmeffekt bei Glutenverzicht kann darüberhinaus auch daher kommen, dass viele Getreideprodukte auch reich an Kohlenhydraten sind, die sich durch ihre Kalorien auch auf unsere Figur auswirken.

Zusätzlich gibt es ein weiteres ganz interessantes psychologisches Phänomen: den Nocebo-Effekt

eine scheinbar negative Wirkung durch ein Arzneimittel oder sonstigen äußeren Einfluss. Er bezeichnet eine Reaktion auf ein medizinisches Präparat ohne spezielle Wirkung bzw. auf die gerüchteweise die Gesundheit oder das Wohlbefinden nachhaltig beeinträchtigende Wirkung einer umweltverändernden Maßnahme.

Dabei spielt die Erwartungshandlung des Probanden – hier der Person mit einer vermeintlichen Lebensmittelunverträglichkeit – eine große Rolle. Bedeutet: Wenn man ein Lebensmittel verzehrt, von dem man sich sicher ist, dass man es nicht verträgt, so kann eine negative Wirkung eintreten auch wenn eine entsprechende Unverträglichkeit gar nicht vorhanden ist. Wenn man also im Alltag von diversen (mitunter prominenten) Ernährungspäpsten vorgebetet bekommt, dass uns ein bestimmtes Lebensmittel krank macht, kann es tatsächlich soweit kommen, dass wir das Lebensmittel plötzlich tatsächlich nicht mehr vertragen.

Man ist schnell bei der Hand der Nahrungsmittelindustrie vorzuwerfen mit der Manipulation unserer Nahrungsmittel ihren Gewinn auf kosten unserer Gesundheit zu maximieren (was in manchen Fällen tatsächlich zutreffen kann), aber man sollte gleichzeitig nicht vergessen, dass man mit Produkten und Programmen zu gesunder Ernährung viel Geld verdienen kann.

Allein für lactosefreie Lebensmittel lag der Umsatz im Jahr 2014 bei 285 Mio. EUR und für glutenfreie Lebensmittel bei 105 Mio. EUR.4 Oder z.B. das Buch Weizenwampe: Warum Weizen dick und krank macht des amerikanischen Mediziners William Davis, dass dem Anti-Weizen und Anti-Gluten Hype ordentlich Vorschub geleistet hat, ein weltweiter Bestseller.

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Bild: Vecteezy.com

Natürlich soll dies nicht heißen, dass alle Lebensmittelunverträglichkeiten nur eingebildet sind. Eine tatsächliche Zöliakie ist eine durchaus ernste Erkrankung. Allerdings sind viele vermeintliche Unverträglichkeiten nicht medizinisch nachgewiesen, sondern beruhen auf individuellen Beobachtungen. Und so etwas ist durchaus eine komplexe Angelegenheit, da im Alltag eine Vielzahl an Faktoren einen Einfluss auf unser subjektives Wohlbefinden haben können. Ein Lebensmittel oder eine ganze Mahlzeit enthält eine Vielzahl an Inhaltsstoffen, die unser Wohlbefinden beeinflussen können. Letztendlich können auch Zubereitung oder die Bedingungen und Umstände unter denen wir unser Essen zu uns nehmen einen Einfluss haben. So kann Weizen, der teilweise auch über das Gluten hinaus verteufelt wird, ungesund sein, wenn er unsachgemäß zubereitet wird. Weizen enthält z.B. Phytinsäure, welche die Aufnahme von Mineralien wie Calcium, Magnesium und Zink behindert, wenn wir den Weizen umfermentiert oder roh zu uns nehmen.

Fängt wertvolle Mineralien weg: Phytinsäure, ein Anti-Nährstoff

In der Komplexität des Problems liegt auch ein Grund, warum bestimmte Diäten und Ernährungskonzepte, wie Gluten-frei, so erfolgreich sind: Sie bieten eine einfache Lösung für ein komplexes Problem. Ohne Gluten hin zu einem schlanken Bauch, reiner Haut und mehr Wohlbefinden.

Überhaupt werden Produkte, die das Prädikat frei von xxx tragen insgesamt als hochwertiger empfunden. Es kommt nicht mehr drauf an, was an guten Zutaten drin ist, sondern eher was alles nicht drin ist.

Frei von Allem (Bild: Vecteezy.com)
Frei von Allem (Bild: Vecteezy.com)

Dies kann aber mitunter ein Trugschluss sein. Denn lässt man z.B. den Weizenkleber weg, dann muss der Zusammenhalt des Produkts ja irgendwoanders herkommen. Dies lässt sich z.B. mit einem Mehr an Zucker und Fett (die auch einen großen Einfluss auf die Textur eines Lebensmittels haben) erreichen.5Fazit: Schlecht für die Figur.

Letztendlich sind Getreideprodukte, in ihrer Vollkornvariante, durch ihren Gehalt an Ballaststoffen, durchaus einer gesunden Ernährung zuträglich. Kurzum: Hat man keine nachweisbare Unverträglichkeit, sollte man auch nicht darauf verzichten. Wenn man es nicht übertreibt, darf man sich also die morgendliche Frühstückssemmel oder das alkoholfreie Weizenbier nach dem Sport beruhigt schmecken lassen !

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Laktoseintoleranz#Weltweit
  2. https://lebensmittelpraxis.de/warenkunden/20578-warenverkaufskunde-laktosefreie-milchprodukte.html
  3. R. Keller: Klinische Symptomatik „Zöliakie, ein Eisberg“. In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Heidelberg 151.2003, 706.
  4. https://www.dge.de/presse/pm/selbstdiagnose-unvertraeglichkeit/
  5. https://utopia.de/ratgeber/gluten/

Mit Wissenschaft kühl durch den Sommer

Ok, das Thema Sonnenschutz haben wir uns bereits angeguckt. Was brauchen wir also noch um durch den heißen Sommer 2018 zu kommen ?

Ein Szenario, dass glaube ich Vielen nicht unbekannt sein wird: Wir haben uns trotz hochsommerlichen 32°C mehr oder minder erfolgreich durch den Arbeitstag gerettet, jetzt lechzen Gemüt und Kehle nach einem kühlen Trunk zum Feierabend… Also ab nach Draussen an die frische Luft. Schlecht nur, wenn man vergaß das Feierabendbier rechtzeitig in die Kühlung zu legen. Ein weiteres Problem: Wie bleibt der Nachschub an köstliche Gerstensaft angenehm kühl, wenn man mit ihm fernab des Eisschranks auf der Wiese sitzt ?

Kaltes Getränk mit Hilfe der Wissenschaft und kalten Putzlappen

Und auch hier zahlt sich ein gutes Quantum an naturwissenschaftlichen Kenntnissen aus: Man benötigt nur ein Stück saugfähiges Textil und Wasser um selbiges gut zu durchfeuchten. Man packt die Getränkeflasche nun in den triefend nassen Lappen und stellt sie an einen luftigen und trockenen Ort. Nun muß man eine Weile warten, während sich das Getränk auf nahezu magisch anmutende Weise abkühlt.

Verdunstungskälte heißt das Zauberwort ! Denn auch bei 30 °C verdunstet eine gewisse Menge Wasser, vorausgesetzt, die Luftfeuchtigkeit liegt unter 100 %. Je trockener, desto besser.

So zumindest die Theorie. Aber wie heißt es so schön: Versuch macht klug. Also habe ich mir aus einer leeren 500 mL Flasche einer beliebten Hipsterbrause, die ich mit Wasser gefüllt habe und einem Laborthermometer eine Testapparatur gebastelt. Das Ganze noch schnell in ein nasses Küchenhandtuch wickeln und schon startet der Kühlversuch.

Auch wenn die Kühlwirkung relativ verhalten zu Tage tritt, kann man doch nicht leugnen, dass die Methode funktioniert. Innerhalb von 2 Stunden pendelte sich die Temperatur in der Flasche von ursprünglich 29 °C bei knapp unter 23 °C ein. Das Wasser ist zwar nicht „Kühlschrank-kalt“ aber um Einiges erfrischender geworden. Sicherlich lässt sich der Verdunstungseffekt noch weiter forcieren, wenn man einen Ventilator neben die Versuchsanordnung stellt, der die feuchte Luft wegpustet und frische trockene Luft nachführt.

Wasserkühler auf spanische Art

Dabei ist diese improvisierte Form der Getränkekühlung keine neue Errungenschaft der neuzeitlichen Camping- und Grillbewegung, bei welcher sie recht populär ist. Wie mir der Kollege François beim Mittagessen erzählte, findet man eine Art Urform davon in Andalusien: den Botijo.

Der Botijo – ein traditioneller spanischer Wasserkühler

Dabei handelt es sich um einen bauchigen Krug aus gebranntem, porösen Ton mit einer oder mehreren Trinkstutzen. Das enthaltene Wasser dringt durch die Poren langsam nach außen und verdunstet dort an der sehr trockenen, heißen Luft (die ja im mediterranen Klima Andalusiens reichlich vorhanden ist) und kühlt dadurch den restlichen Inhalt des Krugs. Das funktioniert wie gesagt im staubtrockenen Andalusien sehr gut, in z.B. Panama allerdings, welches in der doch recht feuchten Monsun-Zone liegt, weniger gut, so der Kollege F. Und auch in Spanien, genauer gesagt an der Universidad Politécnica de Madrid, gibt es Wissenschaftler, welche die Funktionionsweise des Botijo genügend fasziniert hat, um die Leistungsfähigkeit dieses traditionsreichen Verdunstungskühlers zu untersuchen.

Unter kontrollierten Laborbedingungen wurde der Botijo mit 3.16 kg Wasser (T=39°C) gefüllt und (um gleichmäßige Temperaturen zu gewährleisten) in einen 39 °C warmen Ofen gestellt (simulierter andalusischer Sommer). Dabei wurde die Wassertemperatur, meiner Softdrinkflasche nicht unähnlich, mit einem Thermometer verfolgt und in regelmäßigen Intervallen der Wasserverlust mittels einer Waage kontrolliert. Das recht interessante Ergebnis: Nach 7 Stunden waren zwar 400 g Wasser (fast ein halber Liter) weniger im Krug, aber das Wasser hatte sich um 15 °C auf 24 °C abgekühlt.

Natürlich ist der Krug irgendwann leer, wenn man ihn zu lange stehen lässt. Aber in einem 39 °C warmen Sommer, wird das Wasser eh vorher getrunken, bevor es komplett verdunstet. Der Vorteil des kontinuierlichen Wasserschwunds ist aber auch eine kontinuierliche Kühlleistung, während mein feuchter Lappen deutlich schneller versagen würde, weil er entsprechend schneller austrocknet. Wer sich selber wissenschaftlich mit dem Botijo befassen möchte, kann dies anhand der folgenden Differentialgleichungen tun:

Dieser Tonkrug erfreut sich auch heute noch einer gewissen Beliebtheit in Spanien, überall da, wo ein kühles Getränk abseits entsprechender Infrastruktur gefragt ist. Ein Verwandter des Botijo findet man zuweilen auch in hiesigen Gefilden auf Mittelaltermärkten in Form von Bierkrügen aus Ton, die das enthaltene Getränk (das aber am Besten bereits vor dem Einfüllen gekühlt wurde) kühl halten, wenn der Krug sich vorher mit Wasser vollsaugen konnte.

Immer schön aufpassen, dass man in der Hitze nicht wegschmilzt

Hightech Kühlung aus Bayern

Während der Botijo einfach, aber genial ist, findet sich am anderen Ende der Hightech-Skala eine ausgefuchste (aber deutlich komplexere) Erfindung aus Bayern. Und in Bayern trinkt man natürlich nicht Wasser, sondern Bier. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Münchner Physiker Peter Maier-Laxhuber als er sich entschloss die Erkenntnisse aus seiner Doktorarbeit mit dem Titel „Sorptionswärmepumpen und Sorptionsspeicher mit dem Stoffpaar Zeolith – H2O“ zu kommerzialisieren, auch ein selbstkühlendes Bierfass entwickelte.

Bei dieser raffinierten Erfindung ist der eigentliche Bierbehälter (A) von zwei konzentrischen Kammern (B, C) umgeben. Die innere enthält ein saugfähiges Material, das mit Wasser durchtränkt ist. Die äußere Kammer (C) ist mit einem Zeolith (alias Molekularsieb) gefüllt, einem Material, welches aufgrund seiner Poren in Molekülgröße eine hohe Wasseraffinität besitzt. Beide Schichten stehen unter Unterdruck, um eine Verdampfung des Wassers in Kammer (B) zu erleichtern. Die Energie, die zum Verdampfen des Wassers notwendig ist, wird dem Bier in Kammer (A) in Form von Wärme entzogen.

Selfcoolbarrel
Durch öffnen eines Ventils kann nun das Wasser aus Kammer (B) in die Kammer (C) hinein verdampfen und wird dort durch den Zeolith gebunden. Dies ist wichtig, da der notwendige Unterdruck durch den entstehenden Wasserdampf aufgehoben werden würde und so letztendlich die Produktion von weiterem Wasserdampf, welche ja durch Verdunstungskälte unser Bier kühlt, zum Erliegen kommen würde. Der Kühleffekt ist sogar so groß, dass das Wasser in (B) gefrieren kann. Interessanter Nebeneffekt: Der Zeolith erwärmt sich, wenn er Wasser aufnimmt, so dass unser Faß mit kühlem Bier außen recht warm wird. Daher auch der Begriff Sorptionswärmepumpe, da sozusagen die Wärme aus dem Bier nach Außen „gepumpt“ wird.

Um dem Nachhaltigkeitsgedanken entsprechend Sorge zu tragen kann das Faß für einen späteren erneuten Einsatz regeneriert werden. Durch Erhitzen lässt sich das gebundene Wasser aus dem Zeolith wieder freisetzen.

Wer das Faß ausprobieren möchte kann ein solches u.A. von der Tucher Brauerei erwerben, die damit wirbt „jederzeit und überall [...] frisch gezapftes, kühles Tucher. Ohne Strom. Ohne Vorkühlen. In weniger als 45 Minuten.“

Aus heiß wird kalt – Feuer & Flamme für kühles Bier

Und für all diejenigen, die für einen zünftigen Showeffekt zu ihrem Getränk keine Kosten und Mühen scheuen, hier noch eine Variante, mit der man Getränke mittels Feuer kühlen kann.

Achtung – Wer Folgendes ausprobiert tut dies ausdrücklich auf eigene Gefahr. Der Autor übernimmt keine Verantwortung für etwaige (Feuer)schäden

Man benötigt einen Eimer voll Sand, in den die zu Kühlende Flasche eingegraben wird. Anschließend gießt man eine reichliche Portion Brennspiritus über den Sand und entzündet das Ganze. Der Kühlungseffekt soll nun dadurch eintreten, dass der Spiritus an der Oberfläche des Sandeimers abbrennt und weiterer Spiritus aus dem Sand hochgesaugt wird (eine Art Dochteffekt). Die dabei auftretende Verdunstungskälte tut ihr Übriges. Ob das Ganze funktioniert ? Keine Ahnung, aus brandschutztechnischen Gründen habe ich auf ein Experiment verzichtet. Sollte der geneigte Leser sich dazu entschließen dieses Experiment selbst zu probieren, so tut er dies auf eigene Gefahr und hoffentlich fernab von brennbarem Material.

Welche Methode auch immer man letztendlich wählt: Immer genug trinken und einen kühlen Kopf bewahren !

Gefilterte Sonne – Von Sonnenbrand und Sonnenschutz

Sommer ist’s und die Sonne scheint. Ein durchaus begrüßenswerter Umstand, wenn man an die düstere Winterzeit drängt. Vorbei ist es mit dem Stubenhocken und raus geht’s Sonne tanken. Doch halt ! Tummelt man sich über Tag allzu arglos in der Sonne kriegt man Abends dafür die Quittung: Man sieht aus wie ein gekochter Hummer, schmerzend gerötete Haut, sprich: Sonnenbrand !

Doch was genau ist Sonnenbrand und woher kommt er ? Um dies zu verstehen müssen wir uns das Sonnenlicht mal genauer betrachten:

Das augenscheinlich farblose Sonnenlicht ist gar nicht farblos, sondern ist eine Überlagerung verschiedener Wellenlängen von elektromagnetischer Strahlung, die wir einzeln betrachtet als unterschiedlich farbig wahrnehmen würden.

Jedoch enthält die Sonnenstrahlung, die uns innerhalb der Erdatmosphäre erreicht, nicht nur das sichtbare Licht, sondern auch die energiereiche ultraviolette Strahlung (UV).

UV-Licht ist hinreichend energiereich, dass es unsere Zellen schädigt, indem photochemische Reaktionen, z.B. in unserer DNA, ausgelöst werden. Diese Schäden lösen eine Reihe von Reaktionen des Organismus aus, die einer Entzündung nicht unähnlich sind, u. A. bemerkbar an Rötung, Übererwärmung und Schmerz. Wie schnell eine solche Reaktion auftritt, ist dabei von mehreren Faktoren abhängig.

Warum vornehme Blässe nicht erstrebenswert ist

Zum Einen ist dies von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Während sehr hellhäutige Menschen sehr schnell Sonnenbrand kriegen, dauert es bei dunklen Hauttypen deutlich länger, bis eine entsprechende Reaktion auftritt. Beim sehr hellhäutigen Typ I (keltischer Hauttyp, rötliches/hellblondes Haar) ist die Eigenschutzzeit, d.h. die Zeit in der ein Sonnenbrand auftreten kann, in der Mittagssonne im Sommer unter 10 Minuten. Beim mediterranen Typ IV (bräunliche oder olivfarbene Haut, dunkele Haare) wären 30 Minuten noch ok. Wer eine ganz grobe Abschätzung haben möchte zu welchem Hauttyp er gehört kann einmal einen Blick auf die Seite des Bundesamts für Strahlenschutz werfen.

Natürlich ist die Verweildauer, die man in der Sonne bleiben kann auch in großem Maße von der Intensität des Sonnenlichts ab. Bei bewölktem Himmel ist die Gefahr sich zu verbrennen eher gering. Eine Abschätzung für diesen Faktor liefert der UV-Index:

Kurze Erklärung: Die Bestrahlungsstärke einer horizontalen Fläche wird nach dem Wirkungsspektrum, d.h. der Schädlichkeit der verschiedenen Wellenlängen des Lichts gesichtet. UV-Licht mit einer Wellenlänge < 298 nm wird mit dem Faktor 1 voll berücksichtigt, während länderwelliges Licht, d.h. mit abnehmender Energie immer weniger zum Ergebnis beiträgt. Um etwas handlichere Werte zu erhalten teilt man das Ergebnis durch 25 und erhält so eine Skala die sich im Bereich von 1 bis 11+ bewegt, wobei 1-2 geringer Sonnenbrandgefahr entsprechen und bei Werten über 8 – 9 Sonnenschutz unbedingt empfohlen ist. Wer sich also entsprechend vorbereiten möchte kann dies z.B. durch Beobachten des Wetterberichts tun. Übrigens, sollten Sie den schönen Sportarten Segeln, Surfen (soll heißen Sport in oder am Wasser) oder Ski fahren (sprich: im Schnee) fröhnen gilt es ein erhöhtes Risiko zu berücksichtigen, da Schnee und Wasser Licht reflektieren und für eine erhöhte Bestrahlung sorgen !

Vor UV-Strahlung wird gewarnt !

Weitere Faktoren, die einen Einfluss auf die UV Immission haben, sind Luftverschmutzung (Staubpartikel absorbieren Licht), der geographische Breitengrad und die höhe der Lage des Standorts (je höher und je näher am Äquator desto intensiver).

Da man jedoch im Sommer auch einmal an die frische Luft möchte, muss man sich geeigneter Schutzmaßnahmen bedienen. Die magischen Worte lauten demnach Reflektieren, Streuen und Absorbieren. Drei geeignete Konzepte, damit die UV-Strahlung nicht an unsere Haut dringt.

Schutzmaßnahmen gegen die Sonne

Um die Schutzmaßnahmen nach ihrer Wirksamkeit beurteilen kann gibt es den sogenannten Lichtschutzfaktor (LSF / LPF) bzw. UV-Schutzfaktor (USF / UPF). Diese Größen geben an, wie viel mal länger man sich in der Sonne aufhalten kann, ohne dass eine Hautrötung auftritt. Ergo: Beträgt die Eigenschutzzeit 10 Minuten kann man mit LSF 20 etwa 10 min x 20 = 200 min, d.h. etwas länger als 3 Stunden in der Sonne bleiben. Doch auch hier ist ein gerüttelt Maß an Vorsicht geboten: Da trotz aller Schutzmaßnahmen, die Einwirkung der UV-Strahlung auf unsere Haut nicht völlig neutralisiert wird, sollte man die verlängerte Schutz-Zeit nicht völlig ausreizen. Etwa 60 % werden empfohlen um das Risiko langfristiger Schäden zu minimieren. Da die UV-Belastung kumulativ wirkt, sind auch vergangene Aufenthalte in der Sonne zu berücksichtigen. Hier gilt also (wie eigentlich fast überall): Nicht übertreiben !

Maßnahme LSF
Sonnenschirm ca. 15
Sonnencreme 1 – 30
Leichte Baumwollkleidung 2 – 10
Dichte Baumwollkleidung ca. 20
Schatten unter einem Baum 5 – 15

Quelle: Broschüre Textiler UV-Schutz (Link)

Wenn man nicht stationär im Schatten verharren will, so kann man z.B. den Ratschlag des Arztes Edmund Saalfeld aus dem Buch Kosmetik – Ein Leitfaden für praktische Ärzte1 beherzigen:

„Bei Wanderungen im Gebirge, auf Gletschern, an der See […] Schleier tragen. […] Ferner sollen die Hüte eine breite Krempe haben[…]. Ferner soll hier vom Puder ausgedehnter Gebrauch gemacht werden.“

Der Ratschlag leuchtet erst einmal ein. Ist die Haut abgedeckt, bekommt sie wenig Licht. Wer sich jedoch schon mal einen Pullover über den Kopf gezogen hat, der weiß, dass die meisten Textilien nicht völlig undurchlässig sind. Der Schutz durch Textilien ist nicht nur von der Art des Textils (Webdichte des Stoffs etc) abhängig, sondern auch von gebrauchsabhängigen Größen wie Feuchtigkeit, Dehnung des Stoffs, eng anliegend oder nicht und Abnutzungsgrad bestimmt. Führt man sich z.B. das Resultat eines Wet T-Shirt Contest vor Augen, dann wird offensichtlich, dass ein nasses T-Shirt entsprechend durchlässiger ist und weniger schützt.

Wer sich aber in der Sonnenhitze nicht komplett verhüllen mag, greift zur chemischen Aufrüstung des Eigenschutzes der Haut:

Molekularer UV-Schutz

Mit voranschreiten der Wissenschaften kamen dann spätestens in der 1930ern findige Chemiker auf die Idee Salben und Cremes auf Basis von UV-Filter-Materialien zu entwickeln. UV-Filter sind Substanzen, die über die Fähigkeit verfügen Licht im ultravioletten Bereich zu absorbieren und als längerwelligere, energieärmere Strahlung, die unsere Haut nicht schädigt, wieder abzugeben.

 

Wie wir auf dem UV Foto rechts erkennen können, absorbiert das Sonnenschutzmittel den UV Anteil des Lichts, der so nicht mehr auf die Haut treffen kann. Da so auch weniger UV von der Haut reflektiert wird, erscheinen die behandelten Hautpartien dunkel.

Um möglichst Effizient UV Licht absorbieren zu können, besitzen viele dieser Substanzen sogenannte konjugierte Doppelbindungen, d.h. direkt nebeneinander angeordnete Kohlenstoff-Kohlenstoff oder Kohlenstoff-Sauerstoff-Doppelbindungen.

Rot hervorgehoben: Konjugierte Doppelbindungen

Ähnlich verhält es sich auch mit der natürlichen Bräune der Haut: Diese ist eine Art natürlicher Sonnenschutz, basierend auf dem Hautpigment Melanin, welches sich beim Menschen aus den Komponenten Eumelanin (schwärzlich-braun) und Phäomelanin (gelblich-rötlich) zusammensetzt und je nach deren Verhältnis zueinander auch die unterschiedlichen Hautfarben/Hauttypen bedingt.

Körpereigener Sonnenschutz – Melanine

Alternativ besteht auch die Möglichkeit UV-Schutz durch die mineralischen Pigmente Zinkoxid und Titandioxid zu erreichen, die einfallendes Licht streuen bzw. reflektieren. Diese besitzen den Vorzug nicht wasserlöslich und unbedenklich zu sein. Nachteil: Als Weißpigment, dass man auch in Wandfarbe vorfindet, bilden sie einen weißen Schleier auf der Haut. In neueren Formulierungen von Sonnenschutzpräparaten versucht man dies durch den Einsatz dieser Stoffe als Nanopartikel zu kompensieren.

Tatsächlich enthält ein Sonnenschutzmittel meist nicht nur einen, sondern direkt mehrere dieser Wirkstoffe, da ein einzelner Stoff nicht die gesamte Bandbreite des UV-Lichts abdeckt. Ebenso findet man auch Antioxidantien (z.B. Vitamin E, Vitamin C), die dem Zweck dienen freie Radikale abzufangen, die durch UV Einwirkung gebildet werden und die UV-Filter zerstören bzw. nicht zuletzt unsere Zellen schädigen.

Wieviel ist genug ?

Wie bei allen Wirkstoffen gibt es aber auch bei Sonnenschutzmitteln ein paar Regeln, die es bei der Anwendung zu beachten gilt. Um einmal dem Gerücht entgegen zu wirken, dass der Naturwissenschaftliche Unterricht an unseren Schulen komplett am Alltag vorbei geht ein Beispiel: das Lambert-Beer’sche Gesetz, welches die Abschwächung einer Strahlung bei Durchtritt durch ein Medium mit einer absorbierenden Substanz beschreibt. Die Extraktion (El), welche hier der gewünschten Abschwächung des UV-Lichts entspricht, ist abhängig von

  1. Dem Exiktionskoeffizienten, also der Eigenschaft unseres UV-Filters, die beschreibt, wie effizient er das Licht absorbiert
  2. Der Konzentration des UV-Filters in unserem Sonnenschutzmittel
  3. Der Schichtdicke, d.h. wie dick wir die Sonnencreme auf unsere Haut auftragen.

Während wir auf Punkt 1 + 2 nur wenig Einfluss nehmen können, ist es offensichtlich, dass frei nach dem Motto viel hilft viel wir durch das Quantum, dass wir uns auf die Haut schmieren einen deutlichen Einfluss auf unseren Sonnenschutz haben.

Welche Schichtdicke benötigt man also ? Da die Dicke eines Fettfilms auf der Haut schwer zu bestimmen ist, geht man zweckmäßiger Weise von der Richtmenge von 2 mg Sonnenschutz je cm² Körperoberfläche aus. Das wären bei einer durchschnittlichen Körperoberfläche2 etwa 35 g. Wer es genau berechnen möchte:

Gegenanzeigen

Doch wie heißt es immer so schön in der Pharmawebung: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie bitte…“ Klarer Fall, überall wo man sich Wirk- und Zusatzstoffe zuführt, ist die Frage nach unerwünschten Nebeneffekten nicht fern.

Tatsächlich lässt sich für manche der UV-Filter im Tierversuch eine hormonähnliche Wirkung nachweisen, die aber vom Bundesamt für Risikobewertung3 als für den Menschen als nicht relevant bewertet wird. Dies gilt natürlich vor der Maßgabe, dass das entsprechende Sonnenschutzmittel nicht in exzessiven Mengen eingesetzt wird. Ebenso ist sicherlich ein größeres Maß an Vorsicht bei Risikogruppen wie Schwangere oder stillende Müttern angebracht, bei hormonelle Einflüsse besonders kritisch auswirken können.4

Ebenso findet man den Einwand, dass bei Anwendung eines UV-Blockers mit LSF 20 etwa 95 % der Vitamin D Produktion, die UV-B Licht benötigt, zum Erliegen kommt. Um dennoch auf seine Kosten zu kommen empfiehlt das Robert Koch Institut: „Dies kann aber leicht durch einen kurzen (15-20 Minuten) Aufenthalt im Freien mit nicht eingecremten Armen und Gesicht, bei sonst textilgeschützter Haut kompensiert werden.“

Sicher das wichtigste Argument FÜR UV-Blocker ist die Hautkrebsprävention. So konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass der Einsatz von UV-Blockern das Risiko an schwarzem Hautkrebs zu erkranken, je nach Studie 18-33 % reduziert ist.5

Paradoxerweise gibt es auch Studien, die zeigen, dass es trotz Auftragen eines Sonnenschutzmittels zu erhöhtem Auftreten von Hautkrebs kommt. Dies ist jedoch nicht durch die Natur des Sonnenschutzmittels bedingt, sondern dadurch dass, gerade bei Einsatz von moderatem Lichtschutzfaktor, die Leute trotzdem eine erhöhte Dosis UV abkriegen, da sie sich sorgloser in der Sonne bewegen. 6, 7 Unter anderem wird dort bemängelt, dass sogenannte Confounder-Effekte, d.h. verdeckte Störeffekte aus Umwelt und falscher Anwendung nicht von den Studien berücksichtigt werden. Ein Umstand der solche und ähnliche Studien schwer zu interpretieren macht und dazu führt, dass regelmäßig in den Medien „eine neue Sau durch’s Dorf getrieben wird“.

Insgesamt kann man zu dem Schluss kommen, dass selbst wenn man die eingangs erwähnten Negativeffekte von Sonnenschutz berücksichtigt, insgesamt der Risiko-Nutzen-Faktor eine positive Bilanz aufweist.

 

  1. Springer Verlag, 1908.
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Körperoberfläche
  3. https://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2005/32/immer_auf_ausreichenden_sonnenschutz_achten_-6891.html
  4. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2008/daz-31-2008/die-schattenseiten-von-uv-filtern
  5. Reza Ghiasvand, Elisabete Weiderpass, Adele C. Green, Eiliv Lund, Marit B. Veierød: Sunscreen Use and Subsequent Melanoma Risk: A Population-Based Cohort Study. In: Journal of Clinical Oncology. https://doi.org/10.1200/JCO.2016.67.5934
  6. Journal of Clinical Oncology 34, 3976. http://dx.doi.org/10.1200/JCO.2016.67.5934
  7. http://annals.org/aim/article-abstract/716987/sunscreen-use-risk-melanoma-quantitative-review?volume=139&issue=12&page=966